
Früher (zu meiner Zeit) war alles so einfach: Der eine war unumstritten der Beste und der andere war Deutschlands Nummer 1. – Der eine hieß Andreas Köpke, der andere war Bodo Illgner.
Für alle Club-Fans war die Sachlage eindeutig: Wer einen Kopfball vom eigenen Mann aus fünf Metern aus dem Torwinkel fischt, der hat erstens keine Ahnung vom Wettgeschäft (Vlado läßt grüßen …) und war zweitens einfach das Beste was die Zunft zu bieten hatte.
Damals (Ende der 80er) – so munkelte man in Fankreisen – habe Köpke nie eine echte Chance gehabt, denn als Nürnberger Spieler hatte man keine Lobby. Zudem: Illgner, damals in Diensten des 1. FC Köln unter Christoph Daum, spielte regelmäßig oben mit und forderte die Bayern, Köpke, bei Nürnberg unter Vertrag mit Hermann Gerland, kämpfte meist gegen den Abstieg oder durfte bestenfalls auf das gesicherte Mittelfeld hoffen.
Also eine bequeme Entscheidung für den deutschen Teamchef Beckenbauer pro Illgner, und so wurde dieser 1990 in Italien Weltmeister als Nummer 1, während Köpke auf der Bank Fähnchen schwenken durfte.
Erst 1996 erfolgte die Reputation unter Berti Vogts als ‘Andi’ Köpke (endlich) zur Nummer 1 wurde. Damals vor…, na!? – genau, vor Oliver Kahn, womit sich der Kreis zur deutschen T-Frage 2006 auch fast schon schließt.
Doch beinahe wäre auch dieses Turnier an Andi Köpke auf der Bank vorbeigezogen, denn der neue Herausforderer Kahn hatte mächtige Fürsprecher, vor allem aus dem Umfeld seines zwischenzeitlichen Vereins (nach dem Wechsel vom KSC) Bayern München. – Vogts hielt aber Köpke für den besseren Torwart, auch entgegen vieler sog. “Experten” und entgegen vieler mächtiger Medienmeinungen. Köpke wurde 1996 Europameister und später zum Welttorhüter gewählt.
2006 – Und wieder einmal greift die Münchner Lobby ein. – Franz Beckenbauer, der bereits als Teamchef 1990 Illgner ins Tor stellte, bricht mit dem ungeschriebenen Gesetz, dass man als Funktionär, insbesondere als Präsident des Organisationskomitees der WM 2006, eigentlich zur Unparteilichkeit verpflichtet ist, und macht sich als Lobbyist in Sachen Torhüter vehement pro Kahn stark. Beckenbauer ist ja auch schließlich Präsident des Kahn-Clubs FC Bayern München. Und so sah es also auch dieses mal (wie eben 1990) so aus, dass die Lobbyisten um Beckenbauer Erfolg haben würden (wer widerspricht schon dem Kaiser?).
Doch da hatte man die Rechnung ohne Jürgen Klinsmann gemacht, der schon jeher als Individualist gilt und sich schon als Spieler nur einem Diktat beugte: seinem eigenen.
Als Fußballer nicht unumstritten aber unglaublich erfolgreich, galt er immer auch als hervorragender Vertreter seiner eigenen Interessen. Und so hörte man (ich) einmal, dass Klinsmann der bisher einzige gewesen sei, der Uli Hoeneß über den Verhandlungstisch gezogen habe und sich für seine Zeit bei Bayern München so etwas wie eine Stammplatzgarantie in den Vetrag schreiben ließ.
Doch zurück zu T-Frage 2006.
Heute also platzte die Bombe. Klinsmann tat, was man spätestens seit Magaths gestrigen Statement, er würde Kahn empfehlen im Fall der Fälle auch als Nummer 2 zur WM zu gehen, vermuten konnte:
Lehmann ist Klinsmanns Nummer eins (kicker.de)
Nun kann man über die tatsächlichen Hintergründe und Klinsmanns (ach ja, und der Jogi auch) Beweggründe trefflich spekulieren. Böse Zungen behaupten ja, bereits mit der Berufung zum Nationaltrainer seien die Würfel gefallen, da Lehmann und Klinsmann vom gleichen Berater vertreten würden (wenn das überhaupt stimmt…).
Doch eigentlich ist die Entscheidung sportlich nur konsequent, weil Lehmann einfach besser in Klinsmanns offensives Spielsystem passt. Zudem ist Kahn meiner Ansicht nach mittlerweile über dem Zenit (wenn auch noch weit über den Durchschnitt) und auch irgendwie verbraucht.
Ich erinner mich noch ungern an die Titan-Storys zu Zeiten der letzten WM, als man Kahn überall als die Ikone von Streßbelastbarkeit und Konzentrationsfähigkeit hofierte, und nun – vier Jahre später, aber auch schon dazwischen – zeigt sich gerade Kahn als streßanfällig und selbst sein Verein wehklagt, der Druck der Torwartdiskussion hätte dem armen Oli nervlich zugesetzt. – Tatsächlich schadeten ihm aber wohl vor allem seine eigenen Fehler (vor allem nach den großen Tönen damals …). Entscheidende Fehler in entscheidenden Spielen, und das auch schon lange vor der T-Frage 2006. Und angefangen hatte das Ganze pikanterweise in eben jener Weltmeisterschaft vor vier Jahren, als Titan Kahn im WM-Endspiel Ronaldo den Ball geradezu auflegte. Eine WM fast allein verspielt, die er beinahe schon fast allein gewonnen hatte. Vielleicht wieder mal so ein Beispiel, warum man mit Understatement einfach besser fährt auf lange Sicht…
Klinsmann hat also wieder einmal gegen den Mainstream gehandelt und sich für seine Überzeugung entschieden (und sicher auch ein wenig für seinen Dickkopf). Verhaltene ‘Drohungen’, Lehmann würde im Auftaktspiel in München wie ein Auswärtsspieler empfangen, ließen ihn nicht abrücken – ebensowenig wie das drohende Risiko. Ein Risiko, weil es viel bequemer gewesen wäre auf Kahn zu setzen. Man stelle sich nur vor was passiert, wenn Lehmann einen Fehler macht. Kahn hätte man milde und mitleidig kritisiert, bei Lehmanns Fehler wird man Klinsmann aufknüpfen zur Rechenschaft ziehen (vor allem Zeitungen mit großen Lettern, die ihn heute schon gerne …).
Kurzum: Bravo Klinsmann! Glückwunsch Lehmann!
Eine mutige Entscheidung, die auch gesellschaftlich Mut macht. Mutige Entscheidungen treffen, Überzeugungstäter sein, mit Herz bei der Sache und viel Leidenschaft – notfalls auch gegen alle Obrigen und vor allem gegen Medienmacht und Lobbyismus.
Ich finde die Entscheidung richtig gut, auch wenn Lehmann (so wie er rüberkommt!) nicht gerade ein Sympathieträger für mich ist.
Aber was meint ihr? Aktuell habe ich rechts in der Sidebar eine kleine Umfrage laufen. Hat Klinsmann richtig entschieden?
Diesen Artikel kann man auch bei clubfans.de lesen.
Früher (zu meiner Zeit) war alles so einfach: Der eine war unumstritten der Beste und der andere war Deutschlands Nummer 1. - Der eine hieß Andreas Köpke, der andere war Bodo Illgner.
Für alle Club-Fans war die Sachlage eindeutig: Wer einen Kopfball vom eigenen Mann aus fünf Metern aus dem Torwinkel fischt, der hat erstens keine Ahnung vom Wettgeschäft (Vlado läßt grüßen ...) und war zweitens einfach das Beste was die Zunft zu bieten hatte.
Damals (Ende der 80er) - so munkelte man in Fankreisen - habe Köpke nie eine echte Chance gehabt, denn als Nürnberger Spieler hatte man keine Lobby. Zudem: Illgner, damals in Diensten des 1. FC Köln unter Christoph Daum, spielte regelmäßig oben mit und forderte die Bayern, Köpke, bei Nürnberg unter Vertrag mit Hermann Gerland, kämpfte meist gegen den Abstieg oder durfte bestenfalls auf das gesicherte Mittelfeld hoffen.
Also eine bequeme Entscheidung für den deutschen Teamchef Beckenbauer pro Illgner, und so wurde dieser 1990 in Italien Weltmeister als Nummer 1, während Köpke auf der Bank Fähnchen schwenken durfte.
Erst 1996 erfolgte die Reputation unter Berti Vogts als 'Andi' Köpke (endlich) zur Nummer 1 wurde. Damals vor..., na!? - genau, vor Oliver Kahn, womit sich der Kreis zur deutschen T-Frage 2006 auch fast schon schließt.
Doch beinahe wäre auch dieses Turnier an Andi Köpke auf der Bank vorbeigezogen, denn der neue Herausforderer Kahn hatte mächtige Fürsprecher, vor allem aus dem Umfeld seines zwischenzeitlichen Vereins (nach dem Wechsel vom KSC) Bayern München. - Vogts hielt aber Köpke für den besseren Torwart, auch entgegen vieler sog. "Experten" und entgegen vieler mächtiger Medienmeinungen. Köpke wurde 1996 Europameister und später zum Welttorhüter gewählt.
2006 - Und wieder einmal greift die Münchner Lobby ein. - Franz Beckenbauer, der bereits als Teamchef 1990 Illgner ins Tor stellte, bricht mit dem ungeschriebenen Gesetz, dass man als Funktionär, insbesondere als Präsident des Organisationskomitees der WM 2006, eigentlich zur Unparteilichkeit verpflichtet ist, und macht sich als Lobbyist in Sachen Torhüter vehement pro Kahn stark. Beckenbauer ist ja auch schließlich Präsident des Kahn-Clubs FC Bayern München. Und so sah es also auch dieses mal (wie eben 1990) so aus, dass die Lobbyisten um Beckenbauer Erfolg haben würden (wer widerspricht schon dem Kaiser?).
Doch da hatte man die Rechnung ohne Jürgen Klinsmann gemacht, der schon jeher als Individualist gilt und sich schon als Spieler nur einem Diktat beugte: seinem eigenen.
Als Fußballer nicht unumstritten aber unglaublich erfolgreich, galt er immer auch als hervorragender Vertreter seiner eigenen Interessen. Und so hörte man (ich) einmal, dass Klinsmann der bisher einzige gewesen sei, der Uli Hoeneß über den Verhandlungstisch gezogen habe und sich für seine Zeit bei Bayern München so etwas wie eine Stammplatzgarantie in den Vetrag schreiben ließ.
Doch zurück zu T-Frage 2006.
Heute also platzte die Bombe. Klinsmann tat, was man spätestens seit Magaths gestrigen Statement, er würde Kahn empfehlen im Fall der Fälle auch als Nummer 2 zur WM zu gehen, vermuten konnte:
Lehmann ist Klinsmanns Nummer eins (kicker.de)
Nun kann man über die tatsächlichen Hintergründe und Klinsmanns (ach ja, und der Jogi auch) Beweggründe trefflich spekulieren. Böse Zungen behaupten ja, bereits mit der Berufung zum Nationaltrainer seien die Würfel gefallen, da Lehmann und Klinsmann vom gleichen Berater vertreten würden (wenn das überhaupt stimmt...).
Doch eigentlich ist die Entscheidung sportlich nur konsequent, weil Lehmann einfach besser in Klinsmanns offensives Spielsystem passt. Zudem ist Kahn meiner Ansicht nach mittlerweile über dem Zenit (wenn auch noch weit über den Durchschnitt) und auch irgendwie verbraucht.
Ich erinner mich noch ungern an die Titan-Storys zu Zeiten der letzten WM, als man Kahn überall als die Ikone von Streßbelastbarkeit und Konzentrationsfähigkeit hofierte, und nun - vier Jahre später, aber auch schon dazwischen - zeigt sich gerade Kahn als streßanfällig und selbst sein Verein wehklagt, der Druck der Torwartdiskussion hätte dem armen Oli nervlich zugesetzt. - Tatsächlich schadeten ihm aber wohl vor allem seine eigenen Fehler (vor allem nach den großen Tönen damals ...). Entscheidende Fehler in entscheidenden Spielen, und das auch schon lange vor der T-Frage 2006. Und angefangen hatte das Ganze pikanterweise in eben jener Weltmeisterschaft vor vier Jahren, als Titan Kahn im WM-Endspiel Ronaldo den Ball geradezu auflegte. Eine WM fast allein verspielt, die er beinahe schon fast allein gewonnen hatte. Vielleicht wieder mal so ein Beispiel, warum man mit Understatement einfach besser fährt auf lange Sicht...
Klinsmann hat also wieder einmal gegen den Mainstream gehandelt und sich für seine Überzeugung entschieden (und sicher auch ein wenig für seinen Dickkopf). Verhaltene 'Drohungen', Lehmann würde im Auftaktspiel in München wie ein Auswärtsspieler empfangen, ließen ihn nicht abrücken - ebensowenig wie das drohende Risiko. Ein Risiko, weil es viel bequemer gewesen wäre auf Kahn zu setzen. Man stelle sich nur vor was passiert, wenn Lehmann einen Fehler macht. Kahn hätte man milde und mitleidig kritisiert, bei Lehmanns Fehler wird man Klinsmann aufknüpfen zur Rechenschaft ziehen (vor allem Zeitungen mit großen Lettern, die ihn heute schon gerne ...).
Kurzum: Bravo Klinsmann! Glückwunsch Lehmann!
Eine mutige Entscheidung, die auch gesellschaftlich Mut macht. Mutige Entscheidungen treffen, Überzeugungstäter sein, mit Herz bei der Sache und viel Leidenschaft - notfalls auch gegen alle Obrigen und vor allem gegen Medienmacht und Lobbyismus.
Ich finde die Entscheidung richtig gut, auch wenn Lehmann (so wie er rüberkommt!) nicht gerade ein Sympathieträger für mich ist.
Aber was meint ihr? Aktuell habe ich rechts in der Sidebar eine kleine Umfrage laufen. Hat Klinsmann richtig entschieden?
Diesen Artikel kann man auch bei clubfans.de lesen.