Google Street View bewegt
Jun 11th, 2007 | By Alexander | Category: Bloggersdorf, Gesellschaft, Medien
Wir schreiben das Jahr 2007, der 10. Juni, es ist 7:42 (Einstelldatum, Feedreader-Zeit). Der deutsche Qualitätsjournalismus übernimmt nun auch in Frankfurt das Thema. Die Frankfurter Neue Presse titelt labyrinthisch vielschichtig:
»Neuer Google-Dienst spickt ins Wohnzimmer«
… und zitiert auf Quellenangabe der DPA (was sich hier wie eine Tochterorganisation des FBI liest) »Die hochmoderne Kamera klemmt auf einem Autodach, die Scheiben sind dunkel getönt. Ihre elf Linsen blicken nach überall, im 360-Grad-Modus. Wenn der Wagen durch die Straßen fährt, fotografiert sie permanent – alles, was ihr vor die Optik kommt: Frauen ohne Bikini oder Männer vor Strip-Lokalen zum Beispiel. Die Bilder kommen ins Netz. Um Erlaubnis wurde nie gefragt.«
Wenigstens bekommt man im Folgenden dann noch die Kurve zur Berichterstattung über die daraus entstandene Diskussion in den USA. Da mag man fast nachsehen, dass ja auch hierzulande eine solche Diskussion beginnt, aber so viel Recherche will man erst gar nicht erwarten, wo doch alles so schön kompakt von der dpa kam. Das will man ja nicht zerreisen.
In Frankfurt gerade erst im Thema angekommen ist Spiegel Online (SPON) schon in der zweiten Runde und legt nach dem unvergessenen »HALBNACKT IN SAN FRANCISCO« (ich berichtete) nun schwer aus der Hüfte nach:
»GOOGLE STREET VIEW: Paradies der Gaffer und Spanner«.
Wie gesagt, mir ging es da vor allem um das Problem um Datenschutz und Biometrie … so im Schwerpunkt. Und auch andere Blogger machen sich wie ich alberne Gedanken, wo doch der Boulevard zum Greifen nahe ist, wir kapieren es nur noch nicht. Aber sind laut SPON mittendrin!
Unzähligen Blogs und Webseiten ist’s egal. Sie tauschen und verlinken seit Wochen immer mehr Beutestücke. Und so werden aus oft zweideutigen, zufällig aufgenommen Straßenszenen mithilfe süffisant-suggestiver Kommentare kleine Web-Kurzgeschichten …
Wo die Fülle verfügbarer Fotografie Information vortäuscht, ersetzt der Augenschein das Wissen, eine knackige Hypothese den Zusammenhang. Und das könnte erst der Anfang sein.
Wie “witzig” … jetzt sind es die Blogs, über die man sich “empört”… Aber schön, dass man bei SPON am Ende dann zum gleichen Schluss (in dem Fall zur gleichen Frage) wie ich komme: Wie lange noch, bis daraus Live-Video wird?
Was fehlt denn groß noch? Muss erst der hochauflösende Live-Stream der Wetter-Cam vom Hochhaus bei Google ausgelesen werden, bis alle sagen: Ohhhh.
[selbstreferenziell zitiert]
Aber statt einen deutschen Blogger zu zitieren, greift SPON lieber bei battellemedia.com zu (denen ich das gönne, keine Frage!!). Wahrscheinlich weil es ein schön kurzer Artikel war mit bunten Bildern drüber und schön einfach betitelt: »Google Street View Easter Eggs«
Um das mal auf den Punkt zu bringen: Ich will hier nicht über nicht erfolgte Aufmerksamkeit klagen. Es geht mir nicht um persönliche Befindlichkeiten. Ich will anhand dieses wirklich sensiblen und wichtigen Themas »Datenschutz im Internet«, für dessen Aufmerksamkeit ich wo ich kann werbe, zeigen, wie schlecht (im Sinne von spät und mit falschem Fokus) und wie boulevardesk der journalistische Alltag zwischenzeitlich ist. Und ich will auch mal zeigen, dass da ein Vorurteil von Qualitätsjournalismus versus Meinungs-Bloggen kolportiert wird und das alles längst so nicht mehr stimmt. Blogger bemühen sich – in seinen Recherche-Beschränkungen (die aber durch das Internet und dem zur Verfügung stehenden Informationen und Know how immer geringer werden) – um die Suche nach der Wahrheit, nach dem Kern. Nicht nach Auflage und Zugriffen. Und das aus Idealismus und Eigen-Engagement. Das ist wohl der Unterschied zur Zeit.
P.S. Aber ich vermisse auch (auch in den Blogs) eine Sensibilität in dem Sinne, dass man über das gleiche Thema politisch bis aufs Blut streitet, es aber im Internet einfach “passieren lässt”. Gemeint ist z.B. die automatisierte Datenerfassung und -speicherung.


