Wie konnte das passieren?

Jun 21st, 2007 | By | Category: Essentials, Gesellschaft

Die Sicht eines Vaters zum Prozeßauftakt zum Doppelmord von Tessin

Will man das Faß Killerspiele schon wieder aufmachen? Muss man es wieder aufmachen, wie damals nach Emsdetten? Haben wir das Thema nicht längst aus allen Blickwinkeln beleuchtet und wird die Politik kurz oder lang sowieso irgendwas machen, was sich zwischen politischen Polit-Aktionismus und Lobbyarbeit einpendeln wird, im Ergebnis aber die schickanieren wird, die sich an die Regeln halten wollen und das Problem – wenn es denn eines gibt – auch nicht in den Griff bekommt.

Ich habe die Vorgänge in Tessin, als zwei Jugendliche die Eltern des einen auf besonders brutale und kaltblütige Art getötet haben, im Januar nur am Rande verfolgt und bin nun über den Prozessauftakt wieder darauf gestoßen. Man sucht nach Antworten? Ich suche nach Antworten. Denn ich bin ein Vater.

Zwei Jungen sind vollkommen unauffällig in ihrem Leben, wobei vor allem die Geschichte des jungen Felix D. schockiert. Die Eltern gebildet, politisch und sozial engagiert, gewaltlose Erziehung. Felix selbst ein freundlicher Junge, hilft und unterstützt die Eltern bei politischer Aufklärung oder beim Schnitzen von Marionetten. Kein Lehrer beklagt sich, keine Auffälligkeiten. Und dann kippt der Schalter um, aber nicht im Rausch, im Affekt, nein, erdacht, geplant, vorbereitet, durchgeführt. Und auch danach kühl und sachlich analysiert. So das was man bisher in den Medien wie Spiegel Online lesen kann. Die Details soll der Prozeß klären.

Was ist passiert? “Wie kommt so viel Hass in unser Kind?” fragen sich die Eltern von Felix. Und ich sitze heute morgen vor meinem Rechner und frage mich das gleiche. Wie passiert sowas? Wie kann ich es für meine Kinder verhindern? Welche Anzeichen haben die Eltern übersehen? Was haben Sie falsch gemacht, woraus man lernen könnte. Und dann stößt man immer wieder auf die eine Gemeinsamkeit:

Zu viele Stunden saß Felix vor seinem Computer, spielte eine Variante von Ego-Shooter, die zu Recht erst ab 18 Jahren freigegeben ist. “Wie haben wir zulassen können, dass unser Sohn sich das Gehirn verseucht?” Die Schuldgefühle zermürben sie.

Und die Frage hätte ich mir auch gestellt. Ganz ehrlich. Und es geht nicht um das “Recht haben”. Es geht um mich und meine Entscheidung für meine Kinder.

Ob es letztendlich die Ursache war? Oder: Wie viele Prozent mögen es gewesen sein in einem Cocktail aus jugendlichen Irrungen und Wirrungen, von falscher Seite eingetrichterten Ideen und Ideologien, wie man sie eben übers Internet nur zu leicht finden und pflegen kann.

Ich glaube an das Input-Output-Prinzip. Mit was du dich vollstopfst, das kommt hinten auch wieder raus. In allen Bereichen des Lebens. – Und: Kann ich daneben stehen und zusehen eines Tages, wenn mein Sohn gerade am Monitor einen Zombie zerfetzt mit einer Pumpgun, oder einen “deutschen Soldaten” mit der MG durchsiebt? Werde ich da ruhig zusehen können und denken und hoffen: Wird schon keinen Schaden nehmen? Wird es mich anwidern, wenn ich sehe, dass ihm das nichts ausmacht, dass er es einfach als Spass empfindet? Oder werde ich mich damit selbst vertrösten, dass er es ja – wenn ich es verbiete – dann erst Recht heimlich und woanders machen könnte. Und dann? Wird er – wenn ich es doch erlaube – es mir doch als moralische Billigung dessen auslegen?

Ich weiß das alles nicht. Ich bin kein Psychologe, ich bin einfach nur Papa. Und ich hab saumäßige Angst davor, dass ich mal vor so einer Reporter-Batterie sitze und antworten soll. Nicht wegen der Reporter, nein, wegen der Fragen, die Fragen die sie stellen und die ich nie für mich beantworten kann ohne mir die Gegenfrage zu stellen: Und wenn es doch die Ursache war? Und wenn auch nur ein bisschen?

Gestern auf hr2 sagte jemand sinngemäß zum Thema Migration: Manche Probleme sitzen so tief und brauchen so lange, da muss man auch die guten Argumente und Fragen wieder und wieder vorbringen, auch wenn sie einen selbst und den direkt damit involivierten schon zum Hals raushängen. Damit sich etwas bewegt.

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Ich glaub, das war's.