documenta XII Kassel

Sep 7th, 2007 | By | Category: Kultur

handgemalt by ich

Die documenta X hat mich fasziniert, die X wohlgemerkt. Dieses Gefühl durch eine über eine ganze Stadt verteilte Ausstellung zu laufen und mit jedem Meter das Gefühl zu haben etwas aufzusaugen war überwältigend und die Erinnerung daran ist es noch heute. Es sind nur noch wenige Objekte im Einzelnen in meiner Erinnerung aus diesem Jahr 1997, es war das Gesamtwerk, das meine Frau und mich damals ins Schwärmen brachte.

Es ist etwas besonderes, und vielleicht war es diese Documenta X einfach auch, die einen nach einem kräftzehrenden Ganztagesbesuch zurückfahren lässt, damals noch in meine alte Heimat nach Franken, und die einen vor Tatendrang sprühen ließ. Man wollte am liebsten sofort ein Bild malen, sein Photoprojekt wieder vorantreiben, sich neuen Kunstformen zuwenden und sofort die nächste Ausstellung besuchen. Am besten alles gleichzeitig und am liebsten in den nächsten 24 Stunden. Ich bin bis heute kein uneingeschränkter Kunstbegeisterter oder gar -kenner, aber meine Affinität und meine Offenheit für Kunst wurde unter anderem in dieser documenta noch einmal nachhaltig manifestiert.

Seitdem ist die documenta, die vielleicht weltweit bedeutendste Ausstellung für zeitgenössische Kunst, alle fünf Jahre Pflichtprogramm. Doch die nächste documenta XI ernüchterte unsere Erwartungen: zu viel bereits gesehenes, zu viele Video-Installationen. Das große Aha blieb aus, auch wenn deswegen keine Enttäuschung dafür sich breit machte – aber für uns relativierte sich die documenta von einem außergewöhnlichen Kunst-Input-Highlight zu einer sehenswerten, aber doch auch anstrengenden “Kunst-Messe”, eine Ausstellung, nur eben etwas umfangreicher. Gut, Schweine auf einer Wiese oder Rollerblader in einer Halle sind sicher ungewöhnlich für eine ‘normale’ Ausstellung, lösen deshalb aber nicht zwangsweise ein besonderes Erlebnnis aus.

Gestern nun also der nächste Anlauf: Die documenta 12 in Kassel. Das Strichzeichnungs-Logo fand ich ja schon mal gut, sonst wollte ich bewußt nichts vorher hören davon, dafür gab es gleich mal eine Führung – und die lohnte sich für den “Zugang” zum Fridericianum und zu den Außenanlagen Mohnfeld und Karussell (die mich im Übrigen beide optisch wie konzeptionell nicht begeistern konnten – vor allem das Karussell lief für mich unter dem Motto “der Künstler war stets bemüht” …).

Ich will hier keine Blog-Führung durch die documenta XII machen, dazu fehlt mir gänzlich auch die Kompetenz (und vor Photo-Abbildungen hab ich zu viel Respekt vor der VG Bild-Kunst…), mein subjektives Ranking der vier besichtigten Ausstellungsorte war aber: Fridericianum, Neue Galerie, documenta-Halle, Aue-Pavillion. Das Fridericianum hatte dabei den Vorteil das erste besichtigte zu sein und zudem von einer Kunstvermittlerin begleitet zu werden (die heißen jetzt Kunstvermittler und nicht mehr Führer oder Guide).

Mein kleines Fazit: Natürlich ein Muss, wer sich für Kunst auch nur annähernd interessiert, aber auch dieses mal wieder kein umwerfendes kreatives Erlebnis. Mich enttäuschte extrem das CI im Bereich des Ausstellungsdesign bei Beschilderung und Leitsystem. Was wie handbeschmierte Bauwagen aussah, war so auch geplant. Und genau diesen Charme versprühte es auch. Da fehlte mir jeglicher Zugang zu.
Auch werde ich nie in meinen Kopf bekommen, warum man auf einer documenta, also nach dem Wortsinn einer Dokumentation Moderner Kunst so oft auf vergangenes zurückgreifen muss. Da kann man “von der Antike zur Moderne” noch so oft zu einem der Leitmotive erklären, ich sehne mich zu so einem Anlass nach einer “echten Dokumentation”, nach einer “Dokumentation des aktuellen Schaffens”, des Schaffens zwischen der letzten und der aktuellen documenta. Natürlich “darf” man da und muß vielleicht auch Bezüge zu dem schaffen, was die aktuelle Moderne Kunst inspiriert und beeinflusst, aber wenn man über nahezu alle Ausstellungsbereiche Werke eines Künstlers verteilt, die schon Mitte des vergangenen Jahrhunderts entstanden, dann verliert es für mich die Faszination des Aktuellen, die “Lebendigkeit des Jetzt”.
Die documenta stellt so für mich mehr als eine Spielball der Kuratoren und ihrer Ideen dar, weniger aber vermittelt sie den Anspruch einer Dokumentation. Das fand ich auch schon 2002 schade, allerdings konnte da die Kraft einzelner (wenn auch älterer) Werke beeindrucken und die vielen Video-Installationen fanden einen aktuellen Bezug zum Jetzt (auch wenn ich zu denen dann keinen Zugang fand). – Doch diesmal empfand ich es z.T. noch “dünner”, noch verwaschener von der Aktualität zum Vergangenen, noch weniger Strahlkraft durch einzelne herausragende Exponate. – Dafür gab es aber zwei Werke, die für mich persönlich negativ hervorstachen: The Arse End of the World, 1994 von Juan Davila (Link zu hr-online), sowie The Lamentation: A Votive Painting auch von Juan Davila (Link zu hr-online). Sicher ist das Kunst, das will ich gar nicht in Frage stellen. Aber für mich keine Kunst für die breite Öffentlichkeit. Die Darstellung von Perversion hat für mich da nichts zu suchen. Nicht, weil ich zu zart besaitet wäre, aber wie soll ich das meinem Kind erklären – einem fast 4-jährigen, der tatsächlich nach den (anderen) Bildern zum ersten mal von sich aus zu mir sagte: Papa, da will ich auch mal hin. Er war diesmal nicht dabei, aber was wäre wenn? Soll ich ihm da die Augen zu halten? Nein! Damit will ich ein Kind nicht konfrontieren. Das ist für mich, jedenfalls im zweiten Fall »The Lamentation« in der documenta-Halle (das erste Bild hing wenigstens abgewandt hinter einer Trennwand im Fridericianum), das hier konzeptionell eingebettet zwischen Objekten wie eine große Stoff-Giraffe und Plüschtiere hing, keine Provokation mehr, das ist Grenzüberschreitung. Wäre ich unvoreingenommen mit meinem Kind da hingekommen, wäre ich richtig sauer gewesen. – Man kann nicht alles – wenn man mich fragt – mit künstlerischer Freiheit und Kurrator-Konzept rechtfertigen. Wie gesagt: Solche Kunst darf und soll es geben, aber nicht in so einer Ausstellung. Das ist für mich der Missbrauch meiner Offenheit und Unvoreingenommenheit als Besucher.

Insgesamt eine Enttäuschung also? Bei weitem nicht! Allein die Auseinandersetzung mit so einem Gesamtkonzept ist ja schon spannend. Aber begeistert? Sicher auch nicht. Der Geist der documenta X wird also weiter präsent bleiben und seinen Nachfolger suchen.

Ein Besuch der documenta 12 in Kassel, die noch bis zum 23. September 2007 geöffnet hat, kann ich aber jedem nur empfehlen.

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Ich glaub, das war's.