Das Hitler-Syndrom und das Frauenbild
Sep 9th, 2007 | By Alexander | Category: GesellschaftDer Umgang mit nationalen Symbolen und die damit in Deutschland ausgelösten Befindlichkeiten bis Hysterie konnten im vergangenen Jahr bei der Fußball-WM anschaulich demonstriert und hinreichend bewogen werden (siehe »Die Sache mit dem national stolz«). Da wir das nun ja wohl geklärt haben und – wenn auch mit einem mulmigen Gefühl und einer 12-seitigen Erklärungen alias deutscher Unbedenklichkeitsbescheinigung bewaffnet – auch in Zukunft ein Fähnchen ans Auto stecken dürfen um sich damit bei zukünftigen Gewinnen von Meisterschaften (selbst in Alpenrepubliken) in Auto-Korsos einreihen zu dürfen, ohne sich zwischen Gleichgesinnten und der anderen Gruppe – die National-Fähnchen ausdrücklich und mit Verweis nur als Emblem einer Fußball-Mannschaft verstanden haben wollen – unwohl zu fühlen, hat nun eine (wohl) ehemalige Fernseh-Moderatorin Eva Herman die Gunst der zweijährigen Politische-Nationalthemen-Sommer-Pause zwischen zwei Fußball-Highlights ausgenutzt um in unglaublich ungefilterten Art und Weise den Satz zu sagen, den wir unseren Großeltern schmälich und verächtlich um die Ohren gehauen haben, seit wir denken können: Bei Hitler sei »vieles sehr schlecht gewesen« (da nickt der Deutsche, aber dann!) »Aber einiges auch sehr gut« (Quelle: SPON) … kollektiver Herzstillstand im aufgeklärten Deutschland.
Diese Herman ist der deutschen Feministin schon seit dem Eva-Prinzip ein Dorn im Auge. Frauen, die die emanzipierte Rolle als Frau partout nicht annehmen will, sind schlimmer als der Feind, so kommt einem die Resonanz vor. Das tritt alles mit den Füßen, was die Frauenbewegung je geschaffen und erkämpft hat. Und nun auch noch der Bezug auf die Nazi-Zeit, das ist ja noch schlimmer als Alice Schwarzer auf dem Werbeplakat der Bildzeitung. Mindestens.
Ich werde an der Stelle nicht so blöd sein und mich über die von Herman vertretene Position auslassen. Aber dieses Hyperventilieren ob des Bezugs ist – mit Verlaub – einer der größten Rückschläge für unser im vergangenen Jahr mühsam mit Fähnchen aufgezogenen Pflänzchens “natürlicher Umgang mit unserer Geschichte und Identität”. Es zeugt davon, dass im Instrumentalisieren von ungeliebten Vergangenheits-Bezügen noch heute (und ohne große Veränderung) die gewünschte Medien-populistische Stimmung geschaffen werden kann. Herman hat da ihren Feinden und Kritikern willkommene Munition selbst in die Hand gegeben.
Darf ‘ich’ denn nicht gut finden, was rein in bestimmten gesellschaftlich Mikrokosmen im dritten Reich passierte? Muss ich alles verbrämt im Gesamtkontext betrachten und ausschließlich und allerhöchstens noch das Verstecken und Unterstützen von Juden als Zeichen von Menschlichkeit rückbetrachtend hoch halten? Den Rest aber kollektiv in die braune Tonne werfen? Für mich ein fataler Fehler, der auch und gerade wieder aufstrebenden braunen Tendenzen in die Hände spielt. Warum in aller Welt sollte es nicht auch das Recht einer Frau sein, sich nach dem Rollenbild der Frau aus dem angefangenen 20. Jahrhundert zu sehnen? Solange sie sich nicht nach dem politischen System sehnt?! Und warum darf man sich auch nicht nach dem nachbarschaftlichen Gemeinsinn der DDR sehnen, der – auch wenn es mit jedem Monat Abstand noch mehr in romantischer Ostalgie verklärt werden wird – vielen Menschen in der nicht bestreitbaren Isolation des westdeutschen Egoisten und Hedonisten ziemlich abgeht?
Mir ist nicht die Diskussion zu wider, die Herman zuletzt als Anchorwoman anregt und am laufen erhält, im Gegenteil. Durch Second Life hatte ich zuletzt die Muße und die Gelegenheit viele Gespräche mit Menschen zu führen, unvoreingenommen und im Schutz der eigenen Anonymität auf beiden Seiten, die mir so manche klassische Fragestellung der Gesellschaft, des Gesellschaftsbildes und nicht zuletzt der angeblich “herrschenden Meinung” über Rollen-Bilder in dieser Welt in Frage stellte. Die Durchdringung mit Leitbildern unserer modernen Gesellschaft ist bei weitem nicht so, wie sich das das politische und aufgeklärte populäre Establishment immer so wünscht und es den Meinungsmachern und -multiplikatoren verordnet. Eine Diskussion darüber ist also für mich dringend zu führen und die Positionen offen und ohne Scheu auf allen Seiten darzulegen. Derzeit sich als Frau als Nicht-Feministin zu outen ist ja kaum ohne Schaden möglich, will man nicht als “geschäftstüchtiger, aber blöder weiblicher B-Promi” durchgehen.
Bei dieser Diskussion nun aber die Hitler-Keule auszupacken ist nicht nur der Sache abträglich, sie zeugt auch, dass wir tatsächlich bis zum heutigen Jahr 2007 nicht in der Lage sind, unsere Vergangenheit vernünftig und mit Differenzierung aufzuarbeiten.


