Die leichte Wahlentscheidung

Jan 9th, 2008 | By | Category: Essentials, Gesellschaft

Bild © Endl 2008
Die wähle ich, ganz einfach!

Es wahlkampft so langsam mal wieder. Wird ja auch Zeit! Politik ohne Krisen und Wahlkampf ist ungefähr so spannend wie der Bundesliga-Transfermarkt mitten in der Hin- oder Rückrunde. Aber jetzt! Jetzt geht’s wieder los. Da erleben wir wieder beeindruckende Spektakel, tollkühne Hirnkapriolen und todesmutige Stimmvieh-Dressuren.

Zum Beispiel ist doch mega-geil, wie die das hinkriegen: Da wird die Jugendkriminalität sowohl bei der Strafzumessung wie auch bei der Gesetzesgrundlage kritisiert und gleich dabei auch die gesamten Gründe für das alles: Bildung, Soziale Betreuung, fehlende Integration … einfach alles! Und damit macht man Wahlkampf, dabei war man doch seit Jahren selbst in der politischen Verantwortung! Sowohl hier in der Stadt Frankfurt wie auch in Hessen wie auch im Rahmen der Koalition im ganzen Staate!

Also ich finde das grandios, dass man die Wende im Kopf der Bürger so hinkriegt und dass die nicht dabei auf den Trichter kommen: Ey, die haben doch selbst alles so zu verantworten? – Nee, nix! Da kommt nix in der Richtung. Super!
Man muss nur in der Wortwahl aufpassen und nichts sagen wie: “Wenn wir an der Macht sind, aber dann!!!” Weil man ja schon ist und so, aber das ist ja auch die Kunst! Und die Opposition gerät dabei auch noch in die Bedrängnis, cool. Dabei müssten die einfach doch nur sagen: Alles was sie jetzt sagen, kann und wird im Wahlkampf gegen sie verwendet werden. Weil ja alles, was falsch ist, im Wesentlichen von denen zu verantworten ist, die an der Macht sind. Oder? Machen die aber nicht, irgendwie komisch. Reicht ja, dass die in der großen Koalition drin sind und außerdem früher mal an der Macht waren, das sind dann eben die Erbschulden, oder notfalls irgendwo auf kommunaler Ebene. Egal, Schuld ist Schuld. Ohne die wäre es anders gekommen.

Jedenfalls lief ich heute so an ein paar Wahlplakaten vorbei und dachte mir so diesen Artikel dabei aus. Wollte erst als Bild so eine nett aussehende Grünen-Politikerin nehmen, mit einem Namen der auf Migrations-Hintergrund (geiler Begriff, gell!) schließen lässt. Da hatte ich aber das Fotografieren vergessen, nehm ich halt die von der SPD – ist doch auch wurscht. Und jetzt wähl ich die! Einfach weil die auch nett aussieht! Oder doch die andere, egal.

Ist doch alles wurscht. Denn so isses doch:

Mal angenommen wir würden sagen, ein Poliker hätte 100% eigene Meinung (was schon irrig ist, weil – jedenfalls beim verheirateten Mann – mindestens 40% ‘fremd’bestimmt ist…). Also 100% eigene Meinung, davon findet man vielleicht (in Bezug auf seine politischen Ansichten) im Idealfall 60% richtig gut, was einem eigentlich dazu verleiten sollte, den zu wählen und nicht den anderen, bei dem man nur 30% gut findet (was manche Wähler aber nicht abhält, das nennt man dann Parteitreue oder so). Von den 60% sind leider mindestens weitere 30% nicht ernst zu nehmen (so denn nicht bereits bei den anfangs ausgeschlossenen 40% zum Abzug gebracht…), da leider reine Wahlkampfstrategie, eine Prise Populismus und das berühmte Fähnchen im Winde, dass je nach Wetterlage und Veranstaltungspodium sich auch mal drehen darf. Bleiben also noch optimistische 30%. Doch die wird er im Falle eines Wahlkampfsieges und Einzugs in ein Gremium so nie ausspielen können. Der gute Mann, die gute Frau, wird diktiert (und das zu mindestens 28%) von der Parteipolitik und die Parteipolitik wiederum bestimmt von Grundsatzentscheidungen, Kompromissen, Entgegenkommen und politischer Absprachen und den omnipräsenten “Sachzwängen”. Mag jeder Politker dem Grundsatz nach frei in seiner Entscheidung sein, in der Praxis kriegt er aber eines über die Löffel, wenn er nicht spurt. Und da sitzt er nun, mit seinen 2% eigenen Willens (alles streng wissenschaftlich errechnet, versteht sich!), den er mühsam in Gremien und Ausschüssen in die Diskussion wirft, sich aber dabei dem Lobbyismus Auge in Auge stehen sieht, den Parteigenossen, den – schon wieder – Sachzwängen und der Globalisierung, die eh schon lange dafür sorgte, dass man die allermeisten Dinge eh nicht so richtig selbst bestimmen kann, selbst wenn man möchte. Also für die 2% muss ich nun nicht nach den wahren Motiven des Kandidaten googlen, oder?

Politischer Defätismus? Kann sein. Aber lieber sich ein nettes Gesicht ansehen und nen provokanten Blog-Beitrag schreiben, als sich den Scheiß auf politischer Ebene unkommentiert weiter ansehen müssen und dabei noch für blöd verkauft zu werden.

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Ich glaub, das war's.