Handytest: LG KU990 Viewty versus Nokia E61i
Jan 27th, 2008 | By Alexander | Category: Rezension, Verbraucher
Ich titelte Das Schöne und das Daten-Biest und der Titel verfolgte mich bis zum Schluß. Aber der Reihe nach und hier mein (vorerst) abschließendes Fazit zweier Handys, die so viel gemeinsam haben und doch unterschiedlicher kaum sein könnten.
Wie kann man eigentlich diese beiden Handys überhaupt vergleichen? Erstens weil ich sie halt nun mal beide im Haus habe und zweitens sind sie – entgegen aller Bemühungen des Marketing – eben für den Endverbraucher so unterschiedlich gar nicht. Das beginnt beim UVP ohne Vertragsbindung von 549 Euro bei LG und 429 EUR für das Nokia, was so unterschiedlich dann nicht ist in der Klasse und sich dann im Endverkaufspreis nivelliert (- was aber umgekehrt jeden Vergleich mit dem iPhone unzulässig macht, das ohne Vertrag mit 999 zu Buche stehen soll).
Das Nokia erwarb ich gebraucht (neuwertig) bei ebay für etwas über 200, das LG Viewty wurde mir – ich berichtete – von LG via LGBlog zum Test kostenfrei gestellt (und überlassen). In der “Schuld” bei LG stehe ich nur insoweit, dass ich über meine Eindrücke (als “führendes Technologie Blog” – das geht runter wie Butter) in meinem Blog schreibe – na und das tu ich doch gern. Ob ich dabei objektiv bin, das soll der geneigte Leser selbst entscheiden, keine Frage aber, dass ich mich über den “geschenkten Gaul” freue, und noch besser, wenn ich – vice versa zum Sprichtwort – ihm eben gerade “ins Maul schauen” soll. Was ich hiermit nun mit Fazit tu (in Fortsetzung von hier). Wird ein wenig umfangreicher…
Erster Eindruck
Gar keine Frage, wenn das Viewty ankommt ist das erstmal Auspack-Feeling pur. Die tiefschwarzen Schächtelchen sind der Hit, da kommt Freude auf. Das Nokia gibt sich da eher gewohnt bieder – klassisches technoides Verpackungsdesign, hätte auch eine neue Software sein können.
Aber da steckt dann auch schon ne Menge an Statement drin: Das LG buhlt um Lifestyle, das Nokia ist ein Geek-Tool. Kein Mensch aus meinem technischen Umfeld käme auch nur auf die Idee, einen Stift für das Touch-Screen wie einen Mascara aussehen zu lassen. In der Hand liegt das Viewty erstaunlich leicht und ich hätte es mir deutlich größer vorgestellt. Auch mit Akku kommt es mir leichter als das iPhone vor, dass ja mindestens von der Optik durchaus ‘Analogien’ hat.

LG KU990 Viewty (Amazon-Bild)
Grundsätzliches
Bevor man in die Gemeinsamkeiten und Vergleiche kommt vielleicht einiges Grundsätzliches. In Größe und äußerer Form (Außenmaße) geben sich beide Handy nicht viel. Das Viewty ist etwas kleiner und vor allem schmaler. Die durch die QWERTZ-Tastatur bauartbedingte Breite des Nokia ist für viele ungewöhnlich bis unangenehm. Auch ich muss mich mit diesem Format in der Hand anfreunden, wenn man es als Handy tatsächlich auch benutzt. Erst als Schreibgerät zeigt sich der Vorteil. Dies ist beim Viewty ganz anders: Es liegt von Anfang an gewohnt gut auch beim telefonieren in der Hand.
Aufbau
Während das Nokia-Smartphone auf eine feste Tastatur mit relativ großem Display setzt, das an das 4:3-Format erinnert, ist das LG Viewty ein nahezu reines Touchscreen-Handy ähnlich einem 16:9. Den Vorteil einer QWERTZ-Tastatur (also einer Tastatur mit allen Buchstaben) machen sich dabei beide zu eigen, beim Nokia als Festtastatur, beim LG wahlweise eingeblendet (neben der klassischen Handy-Tastatur und einer Handschriftenerkennung). Das LG hat dabei eine sehr clevere Lösung für das Problem mangelnden Feedbacks am Finger gefunden, eine leichte Vibration quittiert jede Eingabe – das macht das Schreiben einfach. Dennoch bleibt da für mich das Nokia klar vorne. Erstens ist das Schreiben mit echten Tasten deutlich angenehmer und zweitens bleibt der volle Screen erhalten, während beim LG nach Einblenden der Tastatur noch ein kümmerliches Zwei-Zeilen-Eingabefeld verbleibt. Gerade für mich, der das Gerät vor allem auch zum Schreiben verwenden will, ist das Nokia hier die bessere Wahl.

Nokia E61i mocca Smartphone (Amazon-Bild)
Menüführung
Was will ich sagen: Nokia eben. Man kann es drehen und wenden und vergleichen wie man will. Ich hatte Samsungs und Motorolas und Siemens und Triums und wasweissich – am Ende hat Nokia es einfach am besten “raus” mit der Menüführung. Bis auf ein paar Kleinigkeiten, wie z.B. dass die Menüleiste mit Programmen auf dem Hauptdisplay nur unter Menü > System > Einstellungen > Telefon > Standby-Modus > Progr. im akt. Modus zu ändern ist (was ja nun wirklich eine durchaus interessante Funktion ist), findet man alles trotz der wirklich komplexen technischen Möglichkeiten irgendwie “wie gewohnt”. Intuitiv würde man wohl sagen und genau das würde ich beim LG durch “gewöhnungsbedürftig” ersetzen. Ist klar, man gewöhnt sich an alles, aber vor allem der Mix aus hier tippen, dort drücken, hier schieben, dort drehen, erfordert durchaus eine Art Multitasking. Auch sind Bezeichnungen und Abfolgen bisweilen ungewohnt und so rätselten wir länger, unter welchem Menüpunkt wohl was zu finden sein könnte.
Ausstattung
Mag man noch so sehr die unterschiedlichen Konzepte der Telefone nach vorne heben: Am Ende sind sie so unterschiedlich wie vielleicht Porsche und Ferrari. Beides sind Telefone, die sich am neuesten technischen Standards ausrichten und die gängigen Funktionen in sich haben: Telefon, Internet-Browser, E-Mail-Client, Kamera, mp3-Player. Dass das Nokia hier mehr in den Business-Bereich schielt sieht unter anderem daren, dass man neben UMTS noch WLAN anbietet – was mir beim LG übrigens schmerzlich fehlt. Dafür verspricht LG eine 5-Mega-Pixel-Kamera – doch dazu später mehr. Der mp3-Player gibt bei Nokia mir unverständlicherweise nur einen Mono-Klang am Headset aus, im Ergebnis aber sind meinem Ohr die beiden Lautsprecher-Ausgaben aber nur marginal unterschiedlich. Aber hier bin ich auch keine echte Referenz, für mich klingen beide wie das Batterie-Radio am Strand Ende der 80er.
Software
Nun zu einem der ganz wesentlichen Unterschiede. Während LG eine Eigenlösung als Betriebssystem anbietet, setzt Nokia hier voll auf Symbian. Der gigantische Vorteil: Du findest für das Nokia einfach so gut wie alles im Internet – größtenteils sogar zum kostenfreien (open source) Gebrauch. Von ICQ-Clients bis anderer Oberflächenthemen, Internet-Radios, Opera-Browser, Virenschutz mit Firewall, Spiele und und und. Alles einfach zu laden und zu installieren (ok, man muss nur einmal auf den Trichter kommen, dass man den die Zertifkate freigeben muss, aber das findet man durch googlen auch schnell raus). Das LG … Leere … Schweigen. Selbst auf der LG-Website (so mein letzter Stand) … Leere … Schweigen. Selbst das Produktphoto lud lange nicht auf der Website und sollte man tatsächlich mal auf die Sonderseite des Viewty stoßen, so wird man unter Download auf eine Seite geroutet, die einen Handyspiele gegen Punkte (was auch immer) vertickern will.
Telefonieren
Ach ja, das gibt’s ja auch noch. Das Handy soll ja auch telefonieren können und das tut es sogar. Beide Handys haben eine ordentliche Sprachqualität und auch mit dem Freisprecher lässt sich gut leben. Die Art der Anwahl ist dann Geschmacks- und Übungssache: Die feste QWERTZ des Nokia ist da – vor allem bei Dunkelheit – nicht unbedingt ein Vorteil. Die Nummertasten sind mitten in der Tastatur verbaut und lassen sich – trotz Beleuchtung – manchmal nur schwer spontan ausmachen. Hier wird so mancher die weit besser sichtbare und auch größere Eingabe am Viewty zu schätzen wissen.
Kamera
Das LG Viewty zog ja aus um um den digitalen Kompaktkameras dieser Erde das Fürchten zu lehren. So jedenfalls kam es bei mir an und so lass ich das auch irgendwo in der Produktbeschreibung. Motto: Eine Digitalkamera könne man vergessen, wenn man das Viewty habe. Doch das – man verzeihe mir die Deutlichkeit – ist den Mund deutlich zu voll genommen. Ich weiß ja nicht was andere Kameras so treiben, aber meine beiden letzten, eine SONY DSC-P100 und jetzt eine FujiFilm FinePix F31fd, jeweils in der Preiskategorie um 200 Euro erstanden, sind die sprichwörtlich andere Liga. In allen Belangen krass überlegen, allem voran in punkto Auslöseverzögerung – da gehe ich ja zwischenzeitlich einen Kaffee trinken und die Kinder, die man photografieren wollte, sind auch längst weg. Vom Moment des Einschaltens bis zum gespeicherten Bild dauert es bei meiner FujiFilm geschätzt so lange, wie beim Viewty zwischen Auslöser und Auslösen. Wenn das die eigene Benchmark sein soll, dann weiß ich nicht. Die 5 Megapixel sind ein ordentliches Pfund, aber die Kenner wissen doch eh längst, dass Megapixel so wichtig sind wie Megahertz am PC. Das Paket muss passen, sonst nützen einen auch die PS am Auto nichts. Und so fotografierte ich mit meiner alten Sony mit manuell runtergefahrenen 3 Megapixel das LG in jeder Lebenslage in die Seile. Mag sein, dass das bei anderen digitalen Kompaktkameras anders sein mag, aber einer Kamera im 200 Euro-Sektor muss ein Kamera-Handy dieses Anspruches (und dem mehr als doppelten Preis) Paroli bieten können.
Und auch bei der vielgelobten Videofunktion (die ich aber nur rudimentär antestete) ist für mich das Ergebnis: Für YouTube-Filmchen und Vidcasts eine witzige Sache und für ein Handy alle Achtung, aber mit einer “echten” Kamera bei größerer Auflösung nicht zu vergleichen. Am Ende will man sich das doch am 19-Zöller in Vollbild ansehen und das konnte mich wahrlich nicht überzeugen.
Also bleiben wir bei Schusters Leisten und vergleichen die Funktionen mit seinesgleichen, also bspw. mit dem Nokia, auch wenn das hier gar nicht konkurrieren will. Das LG hat mehr Pixel, eine Funktion zum sich selbst fotografieren und einen Blitz dazu. Die Ergebnisse im direkten Vergleich sind daher auch mit Plus für das LG, auch wenn der Vorteil dann nicht so gravierend ist, wie ich meine.
Hier ein wohlwollendes Beispiel im direkten Vergleich und drunter noch ein ähnliches Motiv mit einer “echten” Kamera. Bei allem muss beachtet werden, dass es hier um eine runtergerechnete Version für Web ist, man sieht aber dennoch – denke ich – was ich meine (von oben nach unten Nokia, LG, Fujifilm):



Ist der erste Eindruck beim Nokia ganz ordentlich, merkt man doch, dass die Farben zu sehr überziehen und trotz der herrschenden sehr guten Lichtverhältnisse die Details wegsumpfen. Das macht hier das LG schon deutlich besser, auch wenn die Farben alle eine Nachbearbeitung brauchen. Nahezu perfekt die Fujifilm, hier ist Schärfe in allen Bereichen und die Farben sind bereits ohne manuelles Justieren oder Nachbearbeiten natürlich und ausgewogen. Für Außenaufnahmen ist LG also durchaus gut geeignet, bei guten Lichtverhältnissen und stehenden Motiven. Bei Bewegtmotiven ist alles reine Glückssache – Glück beim Motiv, das bei der langen Auslöseverzögerung so genau nicht getimt werden kann, und Glück bei der Schärfe. Richtig Probleme dann bei schlechtem Licht, denn trotz Bildstabilisator sind die meisten Bilder im Test verwackelt und die Farben und Schärfe ist maximal für einen Schnappschuß zu gebrauchen, abziehen würde ich die Bilder nicht lassen.
Fazit
Ich könnte jetzt noch lange weiterschreiben und in vielen Aspekten ins Detail gehen, aber ich denke der Überblick hier ist so schon gegeben. Das ist eben ein Praxistest, die technischen Daten sollen andere abfeiern und vergleichen.
Einen echten Testsieger kann es am Ende doch nicht geben, und da sind wir am Anfang, denn die Handys sind einfach doch komplett anders konzipiert und mit ganz anderen Ansprüchen.
Das Nokia kann seinen Ansprüchen – und das macht ihn für mich zum Sieger – vollends gerecht werden. Die technische Plattform lässt alle Wünsche wahr werden und wer das oben auf seiner Liste hat, neben langlebigen Akku, intuitiver Benutzung, WLAN und Office-Paket, der wird sich mit dem LG nicht lange beschäftigen und eher noch mit dem Communicator gleicher Marke, die leider doch arg an Image zuletzt gelitten hat, schwanger gehen.
Doch was nützt einem manchmal bei so einem ungleichen Test jeder technische Vorsprung: Trotz Schwächen in der Benutzerführung, einem seltsamen Akku (im Test gab es diverse sudden death ohne Vorwarnung, das heisst, dass die Vorwarnzeit des Akku wohl eher ein letztes Lebenszeichen ist – sehr unangenehm), fehlendem WLAN und trotz einer für Handy-Verhältnisse zwar verbesserten Kamera, die aber auch ihren eigenen Ansprüchen nur bedingt gerecht wird, wenn am Ende die Realität so aussieht: Während wir Technikfreaks noch noch ob der Notwendigekeit eines Firmware-Updates fachsimpelnd zusammen stehen, versammelt sich der Rest der Gäste staunend im Halbkreis um meine Frau – die das Viewty und die eigentlichen Probleme erläutert: die Schwierigkeit eine stilgerechte Tasche zu finden. Und gleicher Effekt übrigens im Designer-Büro, die zwar ab und an anerkennend und staunend Details wie der Möglichkeit des Öffnens eines PDF am Handy registrieren, im Ergebnis aber wohl nie auch nur im Traum daran denken würden, so ein Handy wie das Nokia zu kaufen, das aussieht wie ein (O-Ton) “alter Texas-Instruments-Taschenrechner aus Schulzeiten”.
Am Ende ist es dann doch einfach eine Geschmackssache – aber auf hohem Niveau. Der eine wird sein technisches Wunder erleben, der andere mit einem Hingucker seine Freude haben. Beide tun ihren Dienst, beide sind aber nicht die Eierlegenden-Wollmilchsäue. Ich könnte mich mit dem LG anfreunden, es gefällt mir optisch auch besser, bin aber dann vor allem mit WLAN und der besseren Balance zwischen form und function für das Schreiben mit dem Nokia besser gerüstet – daher ist das meine erste Wahl.
Das einzige, was ich dem LG wirklich negativ ankreiden muss, ist eigentlich die werbliche Darstellung – kein Scherz. Hätte ich den Werbeversprechen geglaubt und 400 Euro für einen Kamera-Ersatz in Handy-Form auf den Tisch gelegt, wäre ich sauer gewesen. Das mag an meinem Anspruch an eine Digitale Kamera liegen, dieser Anspruch ist aber nun wirklich noch kein Profi-Anspruch. Hier wäre mehr Zurückhaltung besser gewesen, auch wenn es so vielleicht den Verkaufszahlen mehr diente. Wer das aber eh nicht so ernst nahm und ein stylisches Handy mit ein bisschen mehr Kamera als sonst sucht, der wird happy sein – und wenn ich das so im Netz quer lese, sind das auch die meisten Käufer – meistens Frauen übrigens, wenn ich das richtig wahr nahm – sicher kein Zufall.
Für das Testen und das Handy bedanke ich mich bei LG – und dem LGBlog für die Empfehlung. Ich hoffe es hat allen ein bisschen was gebracht und so manchem Leser vielleicht eine lesenswerte Meinung aus der Praxis noch dazu. Dann wäre es perfekt.


