Wahrheit verloren

Apr 18th, 2008 | By | Category: Essentials, Gesellschaft

Bild © Endl 2008

Was ist eigentlich richtig? Was stimmt? Wem kann man glauben? Was bedeutet eigentlich ‘bewiesen’, ‘belegt’, ‘bekannt’ oder ‘beschlossen’? Wann fing es eigentlich an, dass wir der Wahrheit keine Bedeutung mehr zukommen ließen? Oder hat sich eigentlich gar nichts verändert?

In einem Dialog fragte mich jemand, ob ich denn wüßte, wie man denn Wahrheit erkenne? Ob es überhaupt die Wahrheit gäbe? Oder ob es nicht immer nur eine Interpretation wäre, eine Auslegung von demjenigen, der einfach sich erdreistet zu behaupten sie zu kennen? Oder von dem, von dem die Mehrheit überzeugt ist, er müsse sie kennen?

Ist es denn legitim für etwas zu kämpfen, was man selbst für die Wahrheit hält? Nur weil man meint, man muss Wahrheit schützen, aufdecken, erhalten?

Die Wahrheit wurde beansprucht. Schon immer. Kirchen hatten sie für sich beansprucht, Religionen, Politiker. Werte beanspruchten die Wahrheit für sich. Werte, die unantastbar und gesellschaftlich gesetzt waren. Gesellschaftlicher Konsens war wahr. Lebensmodelle, wie Ehe, Arbeit, Geld, Wohlstand, Rente. Ein Spiel war ein Spiel, Glaube war Glaube, Wissenschaft war Wissenschaft. Es gab glaubhafte Medien. Die Tagesschau war wahr. Was im Radio kam, war wahr. Und wenn sich Zeitungen teilten von seriös bis boulevardesk, so waren die Seriösen aber stets wahr und selbst den Boulevardesken schrieb man immer noch ein stetes ‘Körnchen Wahrheit’ zu.

Wir bewegen uns in einem zunehmenden Zustand von Instabilität der Wahrheit.

Die Kirchen haben ihren Anspruch auf Wahrheit eingebüßt, jedenfalls in der Breite der Gesellschaft. Erst in Bezug auf die gesellschaftliche Grundordnung, dann auf das definierte Lebensmodell der einzelnen. Sogar für die Religion selbst verlor die Kirche ihren Anspruch in der Gesellschaft, selbstbestimmt sucht jeder in der modernen Gesellschaft sich selbst sein religiöses Modell. Verliert man nun sogar die Wahrheit in der eigenen Religion?

Ehe, Arbeit, Leben – die Werte brechen weg. Lebensmodelle sind haltlos, aufgeweicht, zerbrochen. Keiner, der mehr als Ideal dient. Die Wahrheit eine Farce und jeder weiß es. Geprägt von Launen der Zeit, Zufälligkeiten eines Shooting-Stars der gerade einmal meint, etwas bedeutungsschwangeres von sich geben zu müssen. Ohne Substanz. Selbst halbe Kinder, die anderen vom Leben predigen. Die Blinden führen die Nackten.

Wir sind nun offen. Bedienen uns von dem, was wir wollen. Hören, lesen, machen die Ohren zu, genießen es, wenn endlich geschwiegen wird, wenn man mundgerecht serviert bekommt, wenn man ein Zeichen bekommt, wenn man aufschreien soll, lachen, still sein. Wahrheit kostet so viel, ist so mühsam, wenn man sie finden muss. Man muss sie ständig hinterfragen lassen, muss sie rechtfertigen, wenn sie gegen den Kamm gebürstet ist, muss sich demütigen lassen von der Masse.

Warum nur nahm man uns die Einfachheit einfacher Wahrheiten, auch wenn sie nicht besser war als die unbekannte Wahrheit heute. Als Wahrheit noch unantastbar war, war es da so viel wahrer, was wir zu hören bekamen? Oder: War es denn so viel unwahrer? Haben wir gewonnen? Oder ist der Sieg der Freiheit nur ein Sieg auf dem Papier und wir tauschten die manipulativen Wahrheitsmacher der alten Ordnungen gegen die bunten Wahrheiten der heterogenen Interessen unserer Zeit, die im wesentlichen der wirtschaftlichen Verwertbarkeit dienen? Aber … fahren wir damit schlechter? Oder … diente uns die Manipulation nicht mehr als die Wahrheit selbst? Manchmal wenigstens? Wer wollte schon die Wahrheit hören, wenn sie weh täte? Dann lieber in ewiger Unkenntnis manipuliert?

Es gibt keine reine Wahrheit, aber ebensowenig einen reinen Irrtum.
Friedrich Hebbel

Wir haben die Wahrheitsverkünder überführt und mundtod gemacht. Sie entlarvt in der Einfältigkeit ihres simplen Gemüts, aufgezeigt wie lückenhaft und irrational es ist, zu glauben man wisse. Man tauschte die Naivität gegen Mündigkeit. Die Mündigkeit hat uns von den Fesseln befreit, die Käfigtür aufgemacht, um festzustellen, dass man keine Ahnung hat, warum man in aller Welt da aus dem Käfig raus soll und wohin? Wie ein Kanarienvogel, der die Gelegenheit der offenen Tür nutzte um sich voller Stolz auf den Käfig zu setzen um dann irgendwann wieder reinzuklettern, oder durch das Fenster nach draußen flog um zu verhungern oder zu erfrieren.

Wahrheit? Die Wahrheit ist, dass wir heute wissen, dass wir beständig nur eine Wahrheit serviert bekommen, ob es die Wahrheit ist, kann dir nicht einmal der sagen, der sie für sich proklamiert und zu Nutze macht. Vielleicht ist es auch eigentlich sogar egal. Weil es sie vielleicht gar nicht gibt. Und wir sind endlich da, wo wir eigentlich immer wieder landen, bei einem Spiel. Ein Ratespiel.

So absurd es ist, vielleicht hat Hape Kerkeling den Nagel einfach auf den Kopf getroffen:

Das ganze Leben ist ein Quiz
und wir sind nur die Kandidaten
das ganze Leben ist ein Quiz
ja und wir raten, raten, raten.
Das ganze Leben ist ein Quiz
und wir sind nur die Kandidaten
das ganze Leben ist ein Quiz
ja und wir raten, raten, raten.

… einfach ein Spiel, ein ewiges Spiel, das keine Sieger kennt, nur Kandidaten. Wahrscheinlich ist das sogar unsere Bestimmung. Zu spielen, zu raten, sich nahe am Ziel zu wähnen um am Ende vor einer 50/50 Entscheidung zu stehen und lieber nach Hause zu gehen als sich der letzten Frage zu stellen. Doch vielleicht gibt es die auch gar nicht.

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Ich glaub, das war's.