Zeit abschaffen

Apr 25th, 2008 | By | Category: Essentials, Gesellschaft

Bild © Endl 2007

Wer hat eigentlich die Zeit erfunden? Kann man das nicht wieder aufheben?

Ein Liedermacher besang es: Sie hat sich nicht bewährt, schaffen wir sie doch wieder ab.

Jahreszeiten, Monate, Tage – all das hat seine Sinnhaftigkeit, aber dieses sklavische Rennen nach Minuten und Sekunden. Was hat es uns gebracht?

Sind wir deswegen so effizienter geworden? Und wenn – was ich bezweifle – diese Effizienz eingetreten sein sollte, hat sie uns weitergebracht? Sind mehr Menschen satt? Sind mehr Menschen glücklich? Sind mehr Menschen wohlhabend? Oder sind nur die Satten noch satter, die wohlhabenden noch wohlhabender, aber keiner deswegen glücklicher?

Ich glaub die Zeit wurde einst eingeführt, um das amerikanische Eisenbahnnetz aufeinander abzustimmen. Da jeder Ort im wahrsten Sinne der Wortes anders “tickte”, führte man die Bahn-Zeit ein. Aber begonnen hat es sicher mit der Einführung der ersten Uhren an öffentlichen Gebäuden und vollendet wurde es mit der Armbanduhr.

Heute ist sie omnipräsent. Die Zeit. Sie bestimmt uns, hetzt uns durch den Tag. Aufstehen um, Termine um, Meetings von, dauert bis. Keine Zeit. Ich muss. Vielleicht um? Da habe ich schon! Da kommt doch! Da beginnt gerade.

So viele Zeitvorgaben und trotzdem kommen zu einem festgelegten Zeitpunkt selten alle pünktlich. Ist unser Tag nun effizienter geworden? Haben wir mehr davon?

Oder haben wir nur verlernt, unsere Zeit zu nutzen. Damit flexibel umzugehen, kreativ. Wenn wir heute am Bahnsteig stehen und der Zug verspätet sich, wenn wir auf jemanden warten, wenn die Teilnehmer am Meeting nicht vollständig sind, verlieren wir jetzt Zeit. Warum? Weil wir in unseren Zeitplänen selten Flexibilität einbauen. Ein starres Gerüst duldet keine weichen Faktoren.

Aber müssen wir nicht die Zeit als unseren Maßstab haben? 35 Stunden, 40 Stunden, 60 Stunden Arbeitszeit? Kostenschätzung für die Reparatur mit 2 Stunden Aufwand?
In 11Freunde zu lesen ist die Geschichte des ersten WM-Maskottchens: Entwickelt in wahrscheinlich nicht einmal einer Stunde. Heute ein Unding. Ein Projekt für Agenturen und Gremien. Am Ende nach allen Seiten demokratisch weichgekocht und durchgespült.

Ist die Zeit nicht nur eine Komponente? Eine untrennbare Komponente von Fähigkeit, Tagesform und von Umständen, die zwar nicht die Regel sind, aber eben eintreten – denn ist denn das Leben Regeln folgend oder nicht eigentlich eine Zusammenfassung von Wirrungen und Zufälligkeiten? Ist jemals ein Jahr eines Menschen so gelaufen, wie man es sich vorher dachte? Ist je ein Projekt so gelaufen, wie man es zu Beginn sich vorstellte und plante? Äußere Einflüsse, Missverständnisse, neue Informationen – alles spielt hinein und verändert und man reagiert.

Wir produzieren mehr, aber werden nicht satter. Wir haben mehr, aber sind nicht zufriedener. Wir konsumieren mehr Informationen, aber werden nicht klüger.

Wir können es gar nicht mehr, das Leben fließen lassen und uns seinem Lauf anpassen. Wir meinen, wir hätten eine Summe X an Zeit, die es zu verwalten gälte. Doch weder wissen wir, jeder einzelne von uns, wie viel dieses X sein wird, noch was wir im Leben zu tun haben, welche Aufgaben uns erwarten. Der eine hat nur 30 Jahre zu leben, dann stirbt er genauso gejagt im Geist wie er das Auto jagte, das ihn umbrachte. Der andere wird 90 und musste 10 lange Jahre ans Bett gefesselt jeden qualvollen Tag absitzen.

Die Zeit ist kein Maßstab, der unserem Leben einen Halt geben kann. Der Versuch sie sich gefügig zu machen, sie unter Kontrolle zu bringen, ist Größenwahn und führt dazu, dass wir unser Leben dafür hingeben es zu versuchen und dabei viel dieses kostenbaren Guts in den Kampf gegen diese Windmühlen stecken. Wir meinen den Dämon besiegen zu können, und verlieren dabei das Ziel des Kampfes aus den Augen, besessen wie Ahab auf der Jagd nach seinem Wal.

Und so hetzen wir im zu kalten Winter zum hoffentlich bald kommenden Sommer, und im zu heißen Sommer zum Herbst, und im zu verregneten Herbst zum hoffentlich bald kommenden Weihnachten. Wir hetzen morgens zur Bahn oder über die Straße, um nicht zu spät zu kommen und dann durch den Tag bis Mittag, dann warten wir den Nachmittag durch auf die Zeit des Feierabends und dann bis wir endlich Abend essen können und dann endlich das oder das tun. Und beginnen den nächsten Tag von neuen.

Nur ab und an wundern wir uns, warum die Zeit immer schneller geht. Sie scheint sich mit zunehmenden Lebensjahren zu beschleunigen, als wenn sich jemand einen Spaß daraus machen würde, uns immer weniger von dieser Zeit zur Verfügung zu stellen, je mehr wir danach streben uns mit effizientem Zeit-Management beruflich und privat mehr davon zu verschaffen.

Um dann … wenn es tatsächlich eintritt – wenn wir einfach nichts mehr zu tun haben – nichts mehr mit uns anzufangen wissen.

Mein Großvater ist über 80 und trägt keine Uhr mehr. Er hat sie abgelegt vor einigen Jahren. Er brauche sie nicht mehr. Er stehe auf, wenn er wach wird. Er isst, wenn er Hunger hat. Er sieht fern, wenn ihm danach ist, und wenn er eine Sendung verpasst oder bei einem Fussball-Spiel eingeschlafen ist – was soll’s? Und wenn er nach Gesellschaft sucht, so findet sich die Familie meist auch ganz von selbst ohne auf die Uhr zu sehen zum nachmittäglichen Kaffee zusammen. Einer ruft in die Runde, alle beenden ihre Arbeiten und kommen zusammen um danach wieder weiterzumachen.

Wir sollten das Ding wieder abschaffen, diese Zeit. Vielleicht sollten wir lernen wieder mit unserem eigenen Takt zu leben. Und mit dem Blick darauf, was am Ende bei raus kommt.

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Ich glaub, das war's.