Die neue Wertlosigkeit des Wissens von gestern

Jun 3rd, 2008 | By | Category: Gesellschaft, Netzwelt, Verbraucher, Wirtschaft

Kundenrezensionen sind auch nicht mehr das, was sie mal hätten sein sollen

Bisweilen hat man als Zielpublikum so einen irrationelen Drang danach seiner Umgebung mitzuteilen, was man von einem erworbenen Konsumartikel so hält. Macht man das online, nennt man das ‘etwas gehoben’ “Rezension”, was im Ergebnis so viel heisst wie “aufgeschriebene Meinung”. – Und das ist auch eine feine Sache, in der Theorie, denn so provitiert man als Konsument (so denn die Meinungen authentisch sind, aber das ist ein anderes Thema) von den Erfahrungen anderer, aber … je länger ich darüber nachdenke, desto mehr dünkt mir, dass eine der großen Segnungen (“Kundenrezension”) des Web 2.0 eigentlich schon dem Prinzipe nach nur wenig bringen kann.

Als man die Kundenrezension quasi erfand, leuchteten die Vorteile spontan ein: Beim Kauf eines Produkts von den Erfahrungen der anderen profitieren – quasi eine Emanzipation von Herstellerangaben und (gekauften?) “Tests” so genannter Fachzeitschriften. Der Kunde empfiehlt dem Kunden aus seiner Erfahrung heraus – genial, oder?

Welche Erfahrung eigentlich?

Kaum ein Produkt in unsere schnellebigen Zeit, das in dem Zeitpunkt, wo man erst von ‘Erfahrungen’ generell sprechen könnte, überhaupt noch am Markt ist. Die Rezension also quasi nur noch in Bezug auf den Gebrauchtwaren-Markt interessant, doch selbst dann ist davon ja nur ein Teil allenfalls zu gebrauchen.

War früher – als ein Produktzyklus noch gerne einmal 1 bis 3 Jahre (und mehr) dauern konnte – ein Hinweis darauf, dass nach 1 Jahr Gebrauch dieses oder jenes Verschleißteil auszutauschen sei, was durchaus ja ein Faktor ist, nutzt einem diese Information heute praktisch nichts mehr. Wenn ich hier von meinen Erfahrungen mit meiner Kamera spreche nach einem Jahr Gebrauch, kann ich mir das praktisch sparen oder mich konkret nur auf die Aspekte beziehen, die eben einen potenziellen Gebrauchtkäufer interessieren würden. Denn die Kamera gibt es gar nicht mehr neu zu kaufen.

Das ist kein Zufall, sondern das ist – meiner bescheidenen Meinung nach – Konzept. Durch die ständigen Produktwechsel wird verschleiert, wie unfertig und unausgereift viele Produkte auf den Markt kommen. Und was dabei nicht schon nach kurzer Praxisnutzung zu Tage tritt, taucht in den wenigsten Rezensionen auf. Geschrieben werden diese – so meine Erfahrungen – nämlich meist in der Euphorie der Erstnutzung in den ersten Wochen oder eben (bei Redaktionen) solange das Gerät noch in aller Munde ist, was eine kurze Intensivbetrachtung notwendig macht, Langzeittests aber im redaktionellen Alltag kaum einzubinden sind.

Die häufigen Produktzyklen haben dabei aber noch den weiteren positiven Aspekt für die Unternehmen, so ständig durch Neuheiten auf sich aufmerksam machen zu können und so auch Nachfrage zu generieren, denn wer wählt zwischen Auslaufmodell und Neu-Entwicklung schon das Produkt von gestern.

Also ein One-Way-Ticket zur Wegwerfgesellschaft?

Wenn die Nachhaltigkeit eines Produkts jenseits der Garantie-Marke nicht mehr gefragt ist und auch in der Wahrnehmung der Kundenrezensionen kaum in Erscheinung tritt, wäre es ja für Firmen nur konsequent weiter auf diese Karte zu setzen. Hauptsache neu und raus auf den Markt, Fehler werden bei den early adopters lokalisiert und still und heimlich durch Firmware-Upgrades, Software-Bugfixes und New Releases und Second Generations mitunter unerkennbar für den User behoben.
Die dabei entstehende Unkenntnis, wenn nicht Täuschung des Kunden wird in Kauf genommen. Zudem tritt nicht selten der Effekt am Markt auf, dass große Mengen durch Großhändler aufgekauft werden, diese Mengen dann aber erst dann auf den Markt geworfen werden, wenn dies am rentabelsten erscheint – und das ist für gewöhnlich, wenn Tests und Marktstimmung gerade positiv sind. Das nun wiederum tritt manchmal erst dann ein, wenn die Geräte einmal durch die Mangel genommen worden sind durch Redaktionen in Vorabtests und durch die wütenden Proteste der Erstkäufer.

Der Kunde findet dann also im Handel seines Vertrauens manchmal Produkte, die zwar aktuell als ‘empfohlen’ beschrieben werden, diese Empfehlungen beziehen sich aber eben nur auf die aktuellen und nicht die Erst-Versionen. Wenn man “Pech hat”, erwirbt man also die “Beta-”Version, die verissen wurde, und die dann nur notdürftig nachgearbeitet oder einfach in dem Bereich der Funktionen abgeschaltet wurde, die Probleme machten – und manche spekulieren auch schlicht und ergreifend darauf, dass die Fehler beim Kunden nicht zu tragen kommen und lassen es zur Not auf die Herstellergarantie auflaufen.

Ob der “neue” ALDI-Rechner hier als Beispiel taugt, mag jeder selbst beurteilen nach Studium dieses Artikels bei ChannelPartner.de:

»Der Discounter Aldi verkauft aktuell mit dem Medion “Akoya MD 8835″ einen PC mit AMD-Prozessor. Allerdings kommen in diesen Rechner nicht die seit kurzem erhältlichen “Phenom”-Prozessoren im B3-Stepping zum Einsatz, sondern noch die mit dem so genannten TLB-Bug (ChannelPartner berichtete) behafteten CPUs der Vorgängergeneration. Der Verkauf eines solchen PC-Systems zum jetzigen Zeitpunkt legt den Verdacht nahe, dass AMD Restbestände seiner fehlerhaften Phenom-Prozessoren über den Discounter an ahnungslose Endkunden verkaufen möchte.«

Diese gesamte Praxis hängt eben u.a. an der neuen Form der Versionierung. Als Käufer ist mitunter nur noch schwer auszumachen, welches Gerät auf welchem Stand ist. Somit ist aus der schönen neuen Verbraucherwelt im Ergebnis eine Welt der Desinformation geworden. Der Vergleich der Produkte ist erschwert und der Austausch von Erfahrungswerten kraft Faktischem unterlaufen.

Doch das muss nicht das Ende oder unser Schicksal sein!

Auch wenn dies alles desillusionierend erscheint und man schon achselzuckend abwinkt, weil es halt ist wie es ist, sollte man nicht den gleichen Fehler zweimal machen. Der erste Fehler war, in Rückbetrachtung des Verbrauchermarkts zu glauben, man könne mit der puren Möglichkeit der Kommunikation von Kunde zu Kunde die Unternehmen irgendwie tangieren (denn die ändern dann eben einfach die Regeln…), der zweite Fehler wäre zu glauben, wie es jetzt wäre, würde es immer bleiben. Denn am PC-Markt lernen wir, dass diese ständige Weiterentwicklung und – damit verbunden – Generierung von Bedarf auch endlich sein kann. Viele PC-Besitzer sind zwischenzeitlich sehr glücklich und zufrieden mit ihrer Hard- und Software. Mag Vista noch so sehr mit optischen Reizen locken, XP war bereits ein rundes Angebot, von dem man sich nur ungern trennt (Never change a running system). Und ohne neue Software wird es schwer auch neuen Hardware-Bedarf zu generieren – im Gegenteil! Ausgenommen von Spiele-Fans gehen dann eben die User die Office-Entwicklungen nicht mehr mit und bleiben mit XP beim Status Quo. Und das selbst Microsoft diese Verweigerungshaltung nicht ganz kalt lässt, könnte man aus der Verlängerung des Supports bzw. der Rücknahme der bereits angekündigten Einstellung der Unterstützung für XP-System durchaus ablesen, wenn man wollte.

Der Verbrauchermarkt ist aktuell sehr im Fluß und man muss nur aufpassen, dass man darin nicht untergeht. Die informationelle Unsicherheit kommt dabei den Unternehmen gerade Recht und ist ihnen billig, sie ist aber auch – gerade für viele ältere Menschen, die ich kenne – ein Grund für Konsumzurückhaltung. Das sollte man sich dort auch klar machen. Wir werden sehen, wie sich das noch entwickelt. Nicht auszuschließen, dass sich hier in gar nicht ferner Zukunft wieder ein Wandel ergibt in Richtung: Qualität, Transparenz und Langlebigkeit.

Wollen wir also auch die Kundenrezensionen nicht zu früh begraben, aktuell aber sind sie leider oft keine große Hilfe und mehr Volkssport für die Marketing-Abteilungen.

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Ich glaub, das war's.