gesucht: jung, deutsch, hungrig

Jun 5th, 2008 | By | Category: Fußball, Gesellschaft

Fußball hat ein Problem – ein politisches, und das ist neu.

Wie bereits bei Andi zu lesen bemüht sich die FIFA um die Einführung einer so schön griffigen “6+5 Regel”, womit allerdings keine neue taktische Formation gemeint ist, sondern eine Regel, mit wie vielen deutschen Spielern eine deutsche Mannschaft denn spielen muss.

Die Regel verpflichtet eine Klubmannschaft im Wesentlichen, jedes Spiel mit mindestens sechs Spielern zu beginnen, die für das Nationalteam des Landes, in dem der Klub seinen Sitz hat, spielberechtigt sind. (kicker.de)

Das mag den Fußball-Desinteressierten noch immer nicht beeindrucken, doch nun kommt eben die EU ins Spiel. Denn die sieht in so einer Regel einen Verstoß gegen EU-Recht und droht allen Mitgliedsstaaten Sanktionen, die so eine Regel in ihrem Land zulassen.

Die EU-Kommission halte eine Einschränkung der Freizügigkeit von Arbeitnehmern wegen deren Nationalität grundsätzlich für eine Verletzung des EU-Rechts. Als mögliche Sanktion drohe eine Geldstrafe pro Tag, “die so lange fällig wird, bis der Mitgliedstaat sein Verhalten ändert.”
(ard.de)

Wie absurd.

Manchmal überkommt einen der Eindruck, dass es bestimmte Zeitpunkte gibt, an denen Regeln sich verselbstständigen und für mich ist die ganze EU mehr und mehr zu einem Regelwerk geworden, dass sich verselbstständigt, quasi ein Eigenleben entwickelt, ohne eine Seele zu haben, eine Art “bürokratischer Frankenstein”.

Mit der 6+5-Regel sollte eines gestoppt werden, was jedem Fußball-Fan, aber auch zeitkritischen Gesellschaftsbeobachter, ein Dorn im Auge sein musste: Fußball, der Volkssport, wird kommerzialisiert und das in einer derartigen Dynamik und Konsequenz, dass einem Angst und Bange wird. Nicht nur, dass zwischen dem beschäftigten Spielermaterial und dem Verein nur noch ein Vertrag ist, der sie verbindet, man entwurzelt im Zuge der Bewirtschaftung auch jegliche Tradition um sie erst zu vermarkten und dann an den meistbietenden feil zu bieten. Trikotsponsoring war der Anfang, Stationnamen bis hin zu Vereinsnamen sind nur ein weiterer Schritt. Die Entziehung der Berichterstattung ins reine PayTV ist aktueller Kampfplatz, die Verlagerung von Heimspielen an lukrative Bieter ausländischer “Marktplätze” steht schon in einigen Köpfen.

Doch offenbar gibt es noch Vernunft an den Schlüsselpositionen (wenigstens des Fußballs). Man erkannte nämlich zu Recht, dass diese totale Überlassung des Fußballs an den Kommerz bereits mittelfristig zu einem Heuschreckensyndrom führt. Die reiche Ernte wird niedergemetzelt und unkontrolliert abgewirtschaftet, was bleibt ist ein braches Land, das auf lange Sicht unfruchtbar sein wird.

Identifikation ist eine dieser Säulen, auf die der Fußball baut, und dazu zählt auch nationale Identifikation (manche gehen sogar noch weiter: regionale Identifikation). Wenn in einer deutschen Bundesliga-Mannschaft kein einziger mit deutschem Pass aufläuft, mag das im europäischen Geiste konsequent sein, es widerspricht aber dem, was dem Fußball gut tut – und das nicht nur in Bezug auf die Nationalmannschaft. Beispiel England: Obwohl in der Champions League das Endspiel mit zwei englischen Profi-Clubs bestritten wurde, ist die englische Nationalmannschaft nicht einmal für die Europameisterschaft qualifiziert. Das hat sicher auch andere Gründe, aber in ihrer Pointierung hat diese Dualität der Ereignisse viel Aussagekraft.

10 von 44 Engländern in den Startformationen der englischen Super-Clubs
England erobert Europa – doktorfussball.de

Fehlende Identifikation führt zu einer reinen geschäftlichen Beziehung, wo sportliche Arbeitskraft angekauft und angeboten wird. Das kann – je nach Mentalität und Qualität der Protagonisten – auch durchaus erfolgreich sein, doch ist Erfolg im Fußball nicht alles. Wäre es so, würden um national vielleicht 10 Mannschaften sich die Fans scharen, die große Masse der Vereine bis hin zum Dorfclub der C-Klasse, aber keine Aufmerksamkeit erhalten – doch wer das meint, irrt.

Der gemeine Fan wünscht – und da muss man nur mal sein Ohr ein bisschen neigen – Spieler mit Identifikation. Da hat sich nur wenig zwischen damals und heute geändert. Natürlich sucht man auch den Erfolg, aber einem Spieler, der “um die Ecke” aufgewachsen ist, sieht man weit mehr nach, es ist dann das sprichwörtliche “Kind unserer Stadt”, das man einfach anders behandelt, wie den baltischen Rechtsverteidiger (« ohne Wertung). Natürlich kann eine Identifikation auch wachsen, wie zwischen dem Club aus Nürnberg und einem Marek Mintal, aber das eine schließt das andere ja nicht aus. Und hier setzte die 6+5-Regelung eben an – und eine Regelung war von Nöten, weil nur so ein fairer Wettbewerb gewährleistet werden kann.

Doch die EU sieht in dieser Absichterklärung (6+5) offenbar einen Verstoß gegen die Freizügigkeit. Eine Regel die im wesentlichen dazu dienen sollte, eine Chancengleichheit in der EU zu gewährleisten in dem man den Staaten auferlegte, keine Regeln zuzulassen, aufgrund derer Arbeitnehmer aus anderen europäischen Staaten ausgeschlossen werden. Bsp. wenn ein Staat ein Gesetz erließe, dass als Postboten nur nationale Kräfte erlaube. Dieser Schutz der Gemeinschaft vor Einzelinteressen von Mitgliedsstaaten zum gemeinsamen Wohl wird hier aber ad absurdum geführt, wenn das Ergebnis der Gemeinschaft schadet. Und genau diesen Effekt stelle ich für mich mehr und mehr fest: Statt der Sache zu dienen, blockieren uns die Regeln und die einzigen, die von der Blockade profitieren sind die, die nach Schwachpunkten suchen und Regeln eben in ihrer Konsequenz auf den Kopf stellen können – kurzum: die Wirtschaft.

‘Mein Verein’, der 1. FC Nürnberg, ist vergangenes Jahr trotz einer sehr gut besetzten Mannschaft abgestiegen. Eine Mannschaft, die im Erfolg hervorragend funktionierte, nach einigen Problemen aber ins Rutschen kam und den freien Fall nicht mehr aufhalten konnte – viele sahen als Ursache dafür: fehlende Identifikation. Wenn Kritik die Lobeshymnen ersetzt, wenn man Fehler macht und dafür gerade stehen soll, also wenn es unangenehm wird, dann – so die Theorie – reißen sich Spieler, die mit dem Herz an der Mannschaft, dem Verein und den Fans hängen, eher den Arsch auf, während die anderen sich mit zunehmender Erfolglosigkeit sich mehr um ihre Zukunft zu sorgen beginnen und entsprechend agieren. Die Verantwortlichen des FCN haben dies wohl auch so gesehen und bemühen sich für die neue Saison entsprechend umzustrukturiern. Vor allem »jung, deutsch, hungrig« sollen sie sein, am liebsten aus der Region (was auch bei drei Neuverpflichtungen bereits gelang).

Das freut die Fans – doch sowas dürfte der Verein aber nie in eine Stellenanzeige schreiben. Würde wahrscheinlich gegen das (auf Druck der EU entstandenen) »Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz« verstoßen, allein schon wegen §1 AGG “Herkunft” und “Alter” – nur hungrig dürfen sie sein nach EU-Recht…

Wohl nur eine Frage der Zeit, bis eine Frau gegen die gängige Praxis der Unterscheidung zwischen Herren- und Frauen-Fußball klagt, wäre vielleicht im Geiste des AGG-Hopping einen Versuch wert …

Alles gleich machen hat noch nie bedeutet, dass es ob der Gleichmachung am Ende besser wird. Im Gegenteil.

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Ich glaub, das war's.