Verkackeierei zum gesundheitlichlichen Einheitssatz

Okt 10th, 2008 | By | Category: Gesellschaft

Die “Gesundheitskassen”, wie sich die Krankenkassen gern nennen, sollen demnächst einen Einheitssatz haben: 15,5% Und damit allein im Durchschnitt eine Erhöhung von über 0,5% für jeden deutschen Beitragszahler. Kommentiert wird das ganze gern als politische Entscheidung “gegen” die Krankenkassen, was ich auch allein schon für einen schlechten Witz halte, angeblich wegen “einheitlich” (und damit wettbewerbsschädlich) und weil die KK ja noch viel mehr bräuchten, wird argumentiert.

Wollen die mich eigentlich verkackeiern?

Vor nicht mal allzulanger Zeit hat man uns die beschissene Praxisgebühr reingedrückt, mit der Begründung, man wolle die Lohnnebenkosten senken. Ist natürlich nicht passiert, im Gegenteil, bei mir kam in der Lohnabrechnung noch ein kleiner Zuschlag (da stand dann “+ X %”) obendrauf – und der war doppelt, da staatlich verordnet nicht mehr vom Arbeitgeber anteilig zu tragen. Die KK nahmen die Praxisgebühr, die ein heilloses Chaos und unglaublichen bürokratischen Aufwand verursachte – ich erinner mich da nur ungern an Einzelfälle – und verschlang sie ebenso wie den Zuschlag. Die Politik, die das ganze als Erfolg feierte, mahnte zur Geduld und sprach von Übergangsphasen … die ist wohl jetzt vorbei.

Die Praxisgebühr bleibt (nehme ich schwer an), aber der Satz wird nicht gesenkt sondern sogar noch angehoben. – Und das als Erfolg dem Wähler zu verkaufen ist für mich eben bigotte Verkackeierei.

Und wenn mir einer sagt, die Einheitlichkeit sei ein Vorteil (welcher genau hat sich mir nicht mal erschlossen), der sollte sich das Konstrukt ruhig mal im Detail anschauen, denn natürlich wird es KK individuell gestattet sein Zusatzgebühren zu erheben oder Prämien auszuschütten. HALLO!?!?

Es werde jedoch auch Kassen geben, die trotz des neuen Beitragssatzes Probleme mit den zusätzlichen Kosten haben werden, prognostiziert Etgeton. “Diese werden dann zunächst restriktiver in der Bewilligung freiwilliger Leistungen vorgehen und dann einen Zusatzbeitrag von den Versicherten verlangen.” Das werde allerdings noch ein wenig dauern: “Die Krankenkassen brauchen vermutlich erst einmal Zeit, um angesichts der vielen Veränderungen neu zu kalkulieren. Bei einigen Kassen könnten sich dann auch Überschüsse ergeben, die als Prämien wieder an die Mitglieder ausgezahlt werden.”
Quelle: sueddeutsche.de

Ist das nach dem Motto “Alle sind gleich, aber manche sind gleicher?” und man fühlt sich (gleich mehrfach) unfreiwillig an die Farm der Tiere erinnert:

Jahre später leben zwar viel mehr Tiere auf der Farm, doch nur mehr eine Handvoll davon hatte die Rebellion gegen Bauer Jones selbst miterlebt. Die Windmühle steht nun zwar, doch wird sie nur zum Kornmahlen verwendet, was einen netten Profit abwirft. Unterdessen arbeiten alle, mit Ausnahme der Schweine und Hunde in der “Verwaltung”, hart an einer zweiten Windmühle, die dann endlich Strom und den versprochenen Luxus liefern soll. Trotzdem erscheint ihnen das Leben als Privileg, weil die Farm immer noch die Einzige in England ist, die sich im Besitz von Tieren befindet, und sie somit nur für sich arbeiteten, denn alle Tiere sind gleich.

Doch eines Tages laufen die Schweine plötzlich alle auf zwei Beinen und tragen Kleidung, was den Sieben Geboten des Animalismus zu widersprechen scheint. Aber auf der Scheune steht plötzlich nur mehr ein einziges Gebot:

“Alle Tiere sind gleich, Aber manche sind gleicher.”

Kurz darauf trifft eine Abordnung der umliegenden menschlichen Farmer ein, und stolz präsentieren die Schweine, wie prächtig die Farm der Tiere doch läuft und wie gut die Tiere doch leben. Die Menschen, allen voran Mr. Pilkington, sind tief beeindruckt.

Ach ja, Verlierer gäbe es “leider auch bei der Sache:

Verlierer sind in jedem Fall die Mitglieder günstiger Kassen. So müssen Gutverdiener mit 3600 Euro Brutto-Gehalt, die bei der IKK Sachsen Mitglied sind, 50,40 Euro mehr im Monat zahlen – also rund 600 Euro mehr im Jahr.
Quelle: sueddeutsche.de

Aber dafür gäbe es auch Gewinner, positive Seiten und “Vorteile”:

Aber auch für andere Versicherte könnte es Vorteile geben: “Eine positive Auswirkung der höheren Beiträge für die Versorgung besteht darin, dass es mehr Pflegekräfte in Krankenhäusern geben soll”, so Etgeton. “Auch die Ärzte sollen, besonders in strukturschwachen Gegenden, besser vergütet werden.”

Auch für Versicherte, die einen umfangreichen Service wollen, könnte der neue einheitliche Beitragssatz vorteilhaft sein: “Sie zahlen künftig genauso viel wie die Kunden einer Kasse, die auf den Service überwiegend verzichten”, sagt Sabine Baierl-Johna von der Stiftung Warentest.
Quelle: sueddeutsche.de

Ich lasse “gern” mit mir umspringen und mich politisch rumschupsen, ertrage ne Menge an “Diplomatie” und beuge mich dem Realismus, wenn es irgendwie plausibel erscheint, aber verarschen lasse ich mich ungern.

Und sie übertreiben es für meinen Geschmack an allen Fronten gerade ziemlich gewaltig, was die Verarsche des kleinen Mannes angeht. Ich lege da keine Hand mehr dafür ins Feuer, dass – gerade wenn es nun mit der Wirtschaft den Bach runtergeht – sich nicht wieder mal so ein radikaler Wirrkopf nach oben schwingt, der mit einfachen klaren Worten aus der Volksseele spricht und damit alle verführt. Wenn man durch solche Aktionen und ihrer Verpackung nicht jeglichen Respekt vor der Ehrlichkeit der Handelnden verliert, was braucht es dann noch? Das Versprechen von “die Rente ist sicher” oder eine “Garantie der Bundesregierung für alle Spareinlagen“? Jaja, ich weiß schon … “Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!”

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Ich glaub, das war's.