Zwerg Martin und die abhanden gekommene Glocke (1)

Dez 18th, 2008 | By | Category: Freizeit, Gesellschaft, Kultur

“Der geht mir gerade aber sowas von auf den Sack”. Martin war schlecht gelaunt, sogar für seine Verhältnisse.

Martin ist ein Zwerg, nicht zwergwüchsig oder so ne intellektuelle Beschreibungssache, ein echter Zwerg und 39 Zwergenjahre alt, was im Übrigen ungefähr 39 Menschenjahren entspricht. Denken Menschen an Zwerge stellen sie sich Vorgartenzwerge aus dem Baumarkt vor, wie sie viele deutsche Vorgärten verschandeln. Und genau so sah Martin auch aus – was er wusste! – und worüber der Spiegel jeden Morgen ja auch keine Zweifel ließ. Nur der ungepflegte Bartansatz passte nicht so recht ins Bild, denn Zwerge sollten dichte weiße lange Bärte haben, aber das war ein Mythos, die sich aus den Köpfen der Menschen nicht mehr rauskriegen liess. Wie auch? Durch die zwar dämlich aussehende spitze Tarnmütze hat seit ewigen Zeiten kein Mensch mehr einen Zwerg zu Gesicht bekommen. Die Hintergründe sind vielfältig und ob der Umstand der unerkannten Koexistenz besser für Zwerg oder Mensch war, sei dahingestellt, dass es aber das einzig richtige ist, war allen klar. Also trug auch Martin das “Zipfelmonster” und sah dann eben erst recht aus wie ein Zwerg.

Martin hasste es Zwerg zu sein und seinen Namen sowieso. Martin ist schon bei den Menschen ein grenzwertig trivialer Allerweltsname, wie Martin fand. Als Zwerg ist Martin aber überhaupt nicht tragbar. Aber damit hatte er sich ja abgefunden, meistens jedenfalls. Für seine besonders schlechte Laune am heutigen Tag gab es Gründe. Vor genau 10 Jahren hatte ihn sein Oheim (auch so ein furchtbares Zwergenwort, wie Martin fand) verraten und verkauft. Ohne sein Wissen meldete er ihn bei dieser Weihnachts-Fabrik an mit dem dicken Onkel aka Weihnachtsmann als Chef. Man wollte ihm das damals als ne besondere Ehre verkaufen, aber Martin wusste, dass der Oheim da paar Eisen im Feuer hatte und seine Beziehung spielen ließ. Als dann die “Einberufung” kam, wie Martin die Einladung ins Haus des Weihnachtsmanns nannte, gab es irgendwie kein zurück mehr, auch weil Martin dann verpennt hatte sich bei irgendwem irgendwie anderweitig zu äußern.

So saß er nun hier 10 Jahre einkaserniert in der schwulen Zwergenkommune, wie er das empfand, dabei hatte er nichts gegen Schwule – wie auch. Zwerge sind asexuell, was Martin bedauerte ohne den gegenteiligen Zustand zu kennen. Da es nur männliche Zwerge gab, könnte man sogar sagen, sie könnten auch Neutrum sein, denn ohne anderes Geschlecht macht Geschlechtertrennung nicht einmal Sinn. Jedenfalls war heute seine Ehrung zum Jubiläum und wenn es was gab, worauf er seit 9 Jahren kotzen konnte, wenn er nur daran dachte, dann war es der Moment – allerdings muss man dem alten Dicken zu Gute halten, es dann wohltuend kurz gemacht zu haben.

Das Leben war nicht mal so schlecht hier, genau genommen gab es – wenn man es halbwegs geschickt anstellte – so gut wie nichts zu tun. Und wenn es mal was zu tun gab, gab es so übereifrige wie Johannes, den Martin hasste wie die Pest, wenn man das noch erwähnen musste. Die meiste Zeit verbrachte man also im Zwergen-Casino und zockte ne Art Zwergen-Bingo. Was komisch klingt, aber aus irgendwelchen Gründen war Bingo genau das Ding, auf das Zwerge abfuhren – und zwar extrem. Wenn Martin nicht zockte zog er sich in sein Zimmer zurück, rauchte heimlich Gras und hörte Steppenzwerg – Born to be Dwarf – wobei Martin sich sicher war, dass es irgendein Cover-Song war, was ihm aber egal war.

Als Martin ins Casino ging und von seinen Buddys begrüßt wurde mit Zehnender! Zehnender! hatte er fast schon wieder bessere Laune, wäre da nicht die Durchsage durch die Lautsprecher gekommen, Martin solle noch mal beim Weihnachtsmann vorbeikommen. “Keine Ahnung was der alte noch will!”, Martin zuckte mit den Achseln – “wohl die Ehrenurkunde vergessen?”, feixte Roland, wofür er normalerweise ein Satz heißer Ohren bekommen hätte, wäre da nicht noch durch den Lautsprecher ein einziges Wort nachgekommen: “Gleich!”

Roland sah gerade noch, als Martin am Office vom Weihnachtsmann den Türknauf in der Hand hatte und offensichtlich lieber gleich als später gegangen wäre. “Ja, Chef … meine natürlich Herr Weihnachtsmann … ohne Herr, ok … ich weiß … ja … darf nicht passieren … ja … allein meine Schuld … mach ich … ja … gleich, ja! … versichere ich … melde mich … jawoll! … nein … doch doch … den ernst der Lage bewusst … bin schon weg!” Und als Martin die Tür endlich zubekam sah Roland ihn mit einem hochroten Kopf. “Martin!”, rief Roland. “Arschloch”, murmelte da gerade Martin. Worauf ein “Was hab ich da gehört?!?” eines ziemlich eskalierdender Basses aus dem Zimmer dröhnte. … und Martin und Roland suchten das Weite. Am Gang fragte Roland Martin während sie Richtung Martins Zimmer rannten “Was denn los in aller Welt?”“die Glocke, er will die Glocke sehen, jetzt”“welche Glocke denn?”“na die Weihnachtsglocke, das Bimmelding für den Heiligen Abend”“und die hast duu?”“eben nicht, das ist ja mein Problem”

{weiter zu Teil 2 der Geschichte}

Tags: , , , ,

Dein Kommentar:

Leave Comment

* Kleingedrucktes:

Wichtiger Hinweis für Werbelink-Kommentierer: Kommentare, die ungefragt Werbung enthalten (ob im Kommentarfeld oder in der Link-Adresse), werden mit 200,- EUR netto je angefangener Monat in Rechnung gestellt. Als werblich gelten dabei auch Direktlinks auf Produkte, Kategorien oder sonstige Inhalte, die vermuten lassen, dass die Platzierung des Links nichts mit dem Autor persönlich zu tun haben und im Schwerpunkt werbliche Absichten verfolgen.

Als Reaktion auf die Entscheidung des LG Hamburg werden alle Kommentare unbekannter Kommentatoren vorab moderiert. Sollte der Kommentar auch nach einiger Zeit nicht angezeigt werden, dann ist er wohl auch noch im Spam gelandet. Bitte mir das per E-Mail melden oder sich irgendwo beschweren.

Kommentare dürfen nicht beleidigend sein, keine strafbaren Inhalten enthalten und auch kein fremdes Urheberrecht oder Persönlichkeitsrecht verletzen. Nutzer tragen die alleinige Verantwortung für die kommentierten Inhalte und stellen den Website-Betreiber von allen weitergehenden Ansprüchen frei. Wer kommentieren will, muss einen Nutzernamen und eine gültige E-Mail-Adresse angeben. Der Website-Betreiber erlangt uneingeschränktes Nutzungsrecht an den eingereichten Beiträgen, die Kommentare können verschoben und dupliziert werden, ein Anspruch auf Löschung besteht nicht. Es ist darauf hinzuweisen, dass Kommentare auch von Suchmachinen erfasst werden.

Ich glaub, das war's.