Ausschreibungen, Pitches, Marktplätze – Design als Leistung komplett ad absurdum
Jul 30th, 2009 | By Alexander Endl | Category: Leitartikel, Wirtschaft
Es begann eigentlich sogar mit den Pitches – der wettbewerbsartigen Auftragsvergabe, die auf dem Papier vielleicht Sinn machte, im Ergebnis aber das Grundverständnis von Design und Webdesign auf den Kopf stellt. Die Einführung öffentliche Ausschreibungen waren im Prinzip die staatliche Fortführung des Ganzen, aber Portale die das ganze der breiten Masse wahllos vorwerfen, sind neben den auch noch bekannten “Unterbiet-Portalen” der Gipfel der Perversion einer Dienstleistung.
Warum? Weil Ausschreibungen wie Pitches das falsche Bild einer Leistung zeigen. Es geht doch nicht darum in kürzester Zeit mit rudimentärem Briefing ein “hübsches” Ergebnis zu erzielen, dass dann auch noch geschmäcklerisch von fachlichen Design-Laien beurteilt wird. Oder – am Ende noch schlimmer – als Faktor in ein Bewertungsraster gebracht wird “40% Wirtschaflichkeit, 30% Gesamtkonzept, 30% Design” (wer das hier wie zuordnen kann, verdient hohen Respekt), wie in öffentlichen Ausschreibungen üblich. Es geht doch darum, dass Design als Leistung eine Auseinandersetzung braucht, eine Auseinandersetzung, die nicht nur Einblicke, sondern auch Vertrauen erfordert.
Mögen Pitches bei grundsätzlichen Neuorientierung manchmal noch sinnvoll erscheinen, wenn bspw. sich das Verhältnis mit der “alten Agentur” verbraucht zu haben scheint, so sind sie für Projektvergaben mehr als suboptimal. Man bekommt dann den, der entweder am verzweifelsten ist (und entsprechend am meisten Zeit in den Pitch investieren kann) oder den Geschmack des Gremiums trifft. Doch ob man mit dieser Wahl dann gut beraten ist? Oder sollte man nicht doch besser den wählen, der einen mindestens mittel- bis langfristig begleitet und aus seiner kreativen fachlichen Expertise berät und beratschlagt? Gerade auch entgegen der “eigenen” Meinung? Man will ja auch keinen Anwalt, der im Pitch den hübschesten Brief aufsetzen konnte und am gefälligsten den Gegner beschimpft, sondern einen, der den Mandanten aufgrund seines Fachwissens berät – und sei der Rat auch unliebsam.
Dass man aber Pitch und Ausschreibung noch toppen kann, zeigt einmal mehr der Erfindungsreichtum der Wirtschaft in Kombination mit den Möglichkeiten des Internets: Unterbietportale und Marktplätze, die frei nach dem Motto “einen Dummen werden wir schon finden” die gesamte Branche prostituieren. Verständlich daher der offene Brief des Kölner Designer Stefan Maas (MAAS+CO), Mitglied der Allianz deutscher Designer, mit Bezug auf das mit einem Förderpreis ausgestatetten Portal »Marktplatz für Kreativdienstleistungen – www.designenlassen.de«:
Sehr geehrter Herr Kubens, sehr geehrter Herr Sobolewski,
auf diesem Wege muss ich Ihnen zu Ihrer Internetseite www.designenlassen.de. gratulieren. Ihr zweifellos kreatives und neuartiges Geschäftsmodell könnte tatsächlich eine neue Zeit in der Designbranche anbrechen lassen, allerdings meiner Meinung nach eher eine Endzeit. Das von Ihnen praktizierte Designverständnis wirft diesen Beruf in seiner öffentlichen Wahrnehmung locker um 20 Jahre zurück und ist Rufschädigung pur.
Schon der Name ist für einen potenziellen Auftraggeber wenig hilfreich. Jeder, der sich mit professioneller Gestaltung beschäftigt hat, weiß, dass Design eine sehr persönliche Dienstleistung ist. Das hat zur Folge, dass der „Maßanzug“ für den Auftraggeber nicht ohne dessen Mitwirkung entstehen kann. Wer glaubt, man könnte das Thema komplett delegieren oder mit Minimalbriefing als Lotterie ausschreiben, hat schlicht keine Ahnung und wird zu entsprechenden Ergebnissen kommen, die den Kunden selten begeistern.
Soviel zur fachlichen Seite. Mit Interesse lese ich weiterhin auf der Startseite Ihres Projekts, dass sich am 16. Mai 2009 um 18:00 Uhr 1.664 Designer um 43 Projekte mit einem Gesamtbudget von 15.190,00 € balgen. Rechts daneben erfahre ich, dass die in der Liste aufgeführten Projekte ein durchschnittliches Budget von ca. 350,00 € aufweisen. Wie man von solchen „P
Es war bereits vor einigen Jahren einmal eine Diskussion, ob man unter Agenturen ab einer gewissen Größe und Ernsthaftigkeit den Schulterschluß üben sollte, fand dann aber keinen Konsens, wohl auch mangels gemeinsamer Vertretung, wie die jüngst diskutierte Design-Kammer. Ein Schulterschluß des kategorischen “Nein” zur Teilnahme an solchen Portalen, sowie Ausschreibungen und Pitches, so diese nicht ein gewisses Mindestmaß an Würde und Respekt vermitteln, wozu bspw. die Begrenzung auf eine Maximalanzahl teilnehmender Agenturen zählt, ein Antrittsgeld um die Kosten zu erstatten und eine Ernsthaftigkeit zu signalisieren und einen angemessenen zeitlichen Vorlauf mit der Möglichkeit persönlichen Briefings. Ein solcher Schulterschluß würde dann wenigstens gewährleisten, dass jedem Auftraggeber klar ist, was er an Qualität bekommt, wenn er nur den Preis im Auge hat.


