Kongress Zuse 2.0 – Ein Bericht und ein Vergleich mit der re:publica

Mai 28th, 2010 | By | Category: Allgemein, Leitartikel

Unter dem Titel “Zuse 2.0″ veranstaltete am Mittwoch, den 26. Mai 2010 im Kurhaus Wiesbaden, die Hessische Landesregierung einen hochkarätig besetzten IT-Kongress zum Thema »Hessen – Standort der Ideen«. Anlass war der 100. Geburtstag von Konrad Zuse, dem es zu verdanken ist, dass mit seiner Erfindung der ersten programmierbaren Rechenmaschine man die Geburtsstunde des Computers eben nicht in Silicon Valley oder Gates Garage suchen sollte, sondern tief in Hessen.

Eröffnet von Ministerpräsident Roland Koch führte das Veranstaltungsprogramm mit Vorträgen und nachmittäglichen Foren durch das aktuelle Themenspektrum der Internet-Landschaft, von Wirtschaftsperspektive über gesellschaftliche Herausforderung, von technischen Gefahren wie Bots bis Chancen im Bildungs- und Schulbereich wurde die Spanne geschlagen. Weiteres politisches Highlight: Staatsminister Volker Bouffier, den viele bereits als designierten Nachfolger von Roland Koch sehen, der ja etwas überraschend am Vortag des Kongresses seinen Rücktritt als Ministerpräsident und sein Ausscheiden aus der Politik noch 2010 verkündete. Bouffier begann mit seinem Vortrag im Forum III “Facebook & Co. – Chancen und Risiken der Informationsgesellschaft” die Nachmittagsveranstaltungen.

Der Kongress ist hervorragend auf der Website mit Bild, Text und Ton dokumentiert (www.zuse.hessen.de), so dass an dieser Stelle für thematische Belange hierauf verwiesen werden kann. Als Beobachter des nun zweiten Fach-Kongresses zu diesem Thema nach der re:publica ’10 in Berlin (www.re-publica.de) wäre aber vielleicht ein Vergleich beider Kongresse von Interesse.

hr-online: “Die Tagung führte zum Zusammenprall zweier Kulturen, die sich sonst nur selten begegnen.”

Zwei Kongresse, zwei Sichtweisen. Die re:publica als Kongress der digital natives, also derjenigen, die mitten im Social Web des Jahres 2010 stehen, privat, unternehmerisch oder schlicht kreativ innovativ, Zuse als der Kongress derjenigen, die es aus einer gewissen Distanz das Web haben entstehen sehen, sich daran gewöhnen müssen und heute zum Teil genötigt sind darüber zu entscheiden.

Das Publikum bei #zuse ist sowas wie re:publica für Senioren mit eingestreuten Schulklassen #rp10 via Twitter

Die Themen der Kongresse deckten sich weitgehend, nicht aber deren Betrachtungsweise. Es besteht Einigkeit, dass die Entwicklung durch das Internet nicht aufzuhalten ist, Einigkeit, dass dieses Internet Chancen und Risiken bietet, gerade auch für den Standort Deutschland als Land der Innovation. Einigkeit, dass die Gefahr besteht, dass Deutschland zu sehr in Regelungen seine eigenen Ideen erstickt und Einigkeit, dass auf der anderen Seite die Gefahr einer zu bereitwilligen Dahingabe von Werten besteht und dies ein zu hoher Preis sein könnte. Doch bei der Herangehensweise auf der Suche nach Antworten auf diese Fragen stehen sich die Denkmodelle bisweilen diametral gegenüber.

Roland Koch in der Eröffnungsrede: “Datenschutz und Transparenz müssen neu justiert werden, da sich die zukünftige Generation den bestehenden Definitionen entzieht.”

Die Erkenntnis, dass sich die kommende – ja eigentlich genau genommen ein großer Teil der aktuellen – Generation den bestehenden Definitionen entzieht, ist wohl unbestreitbar. Doch hilft die Erkenntnis nur weiter, wenn man dies als Chance und nicht vorwiegend als Verlust und Risiko begreift. Gerade letzteres klang aber bei Volker Bouffier immer wieder durch, in dem er erst mit einer Forderung nach sanktionsbewehrten Verfallsdaten für Daten ‘überraschte’, was vielseits für ungläubiges Kopfschütteln sorgte, und dann in seinem Schlußfazit noch einmal viele der gängigen Vorurteile bemühte: Isolation der Online-User, Verkümmerung der Sprache, Verschleuderung von Werten wie Datenschutz und Eigentum. Dass vor allem letzteres Thema differenzierter betrachtet werden kann hatte ja ausgerechnet Roland Koch am Vormittag belegt, als er ausführte, dass “Freiheit ohne Eigentum “undenkar” sei, der Spagat zwischen Open Source und Ideenschutz aber eine Aufgabe ist, die es zu bewältigen gilt. Aber Koch will ja auch wieder in die freie Wirtschaft.

Angenehm pointiert und mit diversen rhetorischen Spitzen an die anwesende Politprominenz im Anschluss an Volker Bouffier dann Prof. Ronellenfitsch, Hessischer Datenschutzbeauftragter (“Hätte es früher schon Facebook gegeben und die anwesenden Politiker hätten immer ihre Meinung dort offen kundgetan, säß vielleicht so mancher heute nicht hier” *frei zitiert*). Sein Hinweis darauf, dass die Ägypter mit der Erfindung der Schrift ja auch die Urkundenfälschung erfunden hätten, brachte auf den Punkt, dass jede Neuerung auch ihren eigenen Missbrauch mit sich bringt. Das Internet sich also mit keinen neuen Problemen konfrontiert sieht, sondern mit seinen immanenten – und das sei in der Geschichte der Menschheit nichts Neues. Ronellenfitsch ging vorsichtig, aber bestimmt auf Distanz zu Bouffiers Tenor (“Ich habe sie tendenziell verstanden, Herr Minister”) und legte eine nüchterne, aber zutreffende Bestandsaufnahme seiner Betrachtung zu Grunde. Es ist einfach zu akzeptieren, dass sich die Gesellschaft verändert, wer bspw. seine Rechte freiwillig von sich gibt (ausgenommen natürlich schützenswerte Gruppen wie Kinder), dem ist nicht lehrmeisterlich die Moral und Tugend zu erklären. Schutz und Werteerhalt nicht um seiner Selbst willen, wenn die Gesellschaft gerade dabei ist Werte und Grundlagen neu zu definieren.

Wie sehr die Grundhaltung gegenüber das Thema zwischne beiden Kongressen sich unterschied belegte auch ein Besuch von Forum IV “Zuse@School – Zukunftswerkstatt Schule”. Die dort gewonnenen Eindrücke belegen eine Sichtweise, wie man als Entscheider (hier: Lehrkörper) einer Entwicklung Rechnung tragen will/muss, dies selbst aber nur aus einer beobachtenden Perspektive kann. Doch erscheint dies bisweilen zwar sehr bemüht, aber eben doch wie wenn ein Gast in einem fremden Land den Muttersprachlern in deren eigener Sprache Sprachunterricht geben soll.

Konferenz-Anekdote: Zwei Lehrer vor der Twitterwall “Das ist also dieses Twitter” – “So ein Unsinn dieses Twitter” – “Eben, wer will schon was über Paris Hilton lesen” via weserblog

Sollte diese Rückschau zunächst eine negative Sichtweise auf den Kongress vermitteln, so soll dies nun noch einmal in einem Fazit revidiert werden. Der Kongress sprach zweifelsohne die richtigen Fragen an, war hervorragend besetzt, inhaltlich kompetent ausgestaltet und (vielleicht bis auf die Suppe zum Mittag) auf höchstem Niveau durchgeführt, wozu auch die technische Betreuung und Live-Berichterstattung auf allen gängigen Kanälen der modernen Kommunikation zählte. Zuse 2.0 zeigte vielmehr eine zweite Sichtweise auf diese Themen auf, eine andere als die der re:publica’10. Eine Sichtweise, auf die man sich auch als digital native kein Lächeln erlauben sollte, ebensowenig wie umgekehrt ein Belächeln der digital natives enden sollte. Die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit stellt beide Sichtweisen dar, ja eigentlich sogar mindestens eine weitere dritte: die der Kinder, die Computer und Internet bereits von der Wiege an als selbstverständlichen Teil ihres Lebens begriffen – eine Generation, die Antworten fordert und Raum und Regeln für neue Ideen braucht und keine Grundsatzdiskussionen und das Ausfechten eitler Generationenkonflikte.

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Ich glaub, das war's.