WhatsApp: Die Verantwortung zu Handeln und die schwere Suche nach Ersatz

Feb 24th, 2014 | By | Category: Leitartikel

Kommentar

Große Aufregung nach Ankündigung von Facebook, den Handy-Messenger WhatsApp zu kaufen. Doch warum die Aufregung, sind wir nicht eh alle schon offen wie ein Buch?

Nein. Jedenfalls nicht so, wie das gerne dargestellt wird. Sicher sind alle Daten irgendwie digitalisiert und erfasst, aber es braucht schon eine gehörige Portion krimineller Energie (auch staatlich geföderter) um diese Daten zusammenzufügen. Mögen viele Nutzer den Kampf um ihre Datenhoheit aufgegeben haben, so sind es doch gerade viele der digitale natives, die sehr genau darauf achten, welchem Dienst sie was anvertrauen, thematisch sauber trennen oder schlicht Diversifikation betreiben. Oder einfach im Beispiel: Die Hobby-Sachen zu Facebook, berufliche Diskussionen auf Google+ oder Xing, die Liebesbotschaften an den Partner via WhatsApp, Kontakt mit der Familie via Skype usw. – Und während man vielleicht problemlos den Schmärbauch am Pool auf Facebook präsentieren würde, ist Tante Gertis Handynummer eben tabu und nur Sache des (privaten) Kontakt-Speichers am Handy.

Um diese Lücken an Wissen zu füllen, haben die großen Datensammler viel unternommen. Man analysiert und assoziiert, man macht Datenpreisgabe schmackhaft, soll möglichst viel in den einen oder anderen Dienst packen. Man bietet Planer und Tools an – nur damit man möglichst mehr weiß, mehr Futter hat, für die Maschinen dahinter. Doch ein Ding ist unter allem Begehrlichkeiten das begehrteste: Das mobile Device, das Smartphone. Dieses kleine Ding, das einem mehr über einen Menschen sagt als 1000 Analysen. Wo ist jemand gerade, bewegt er sich, wen kennt er, was braucht er am meisten – und wann? Und just an diesem Gerät zieren sich viele Nutzer in Sachen Datenfreigabe. Als Facebook vor einiger Zeit seine neue App vorstellte, ging ein kleiner Aufschrei durch die Smartphone-Szene, vor allem bei Android. Zu viel wollte die App wissen, dürfen und analysieren. Private Kontakdaten waren und sind für Nutzer aber eben noch heilige Kühe – und das mit Grund.

Tante Gerti bspw. ist zwar unbedarft in Sachen Soziale Medien, hat dafür aber eine ausgeprägte Meinung dazu: Facebook bpsw. käme für sie nicht nur „nicht in Frage“, sie verteufelt den social media Striptease sogar mit Pathos. In Facebook Daten mit anderen Facebooks zu teilen ist das eine, Facebook aber Daten von unbeteiligten Dritten zu übermitteln oder zumindest darauf Zugriff zu gewähren, ist noch mal was anderes. Und dabei geht es ja nicht nur um Name und Adresse, im Kontaktspeicher befinden sich evtl. Geheimnummern, Geburtsdaten, E-Mail-Adresse und andere Inhalte, die aus gutem Grund keinen was angehen. Darum war und blieb man zögerlich, wem man überhaupt Zugriff darauf erlaubte. Eine kleine Messenger-App, die nichts anders zu wollen schien außer zu sehen, wer denn von deinen Freunden auch WhatsApp hat, schien da zunächst mal unverdächtig. Das mag zwar naiv sein, aber wenn man nicht generell von der bösen Welt ausgeht, vielleicht auch durchaus nachvollziehbar.

Nun fügt der Kauf von WhatsApp zusammen, was viele nicht zusammen haben wollten und warum sie vielleicht gerade nicht die Facebook-App am Handy hatten. Und die Beteuerungen von Facebook, niemand mache sich mehr Gedanken um die Daten der User als dort, wird mit eher sarkastischer Zustimmung glaubhaft bejaht. Doch für Konsequenzen daraus, scheint für viele der Weg zurück versperrt. Zu viele Freunde haben bereits WhatsApp, zu viele kleine und große Annehmlichkeiten hat man so schon geregelt – von der Koordination der Skat-Runde bis zum Krabbelgruppen-Treff. Diese Gruppen komplett von WhatsApp wieder zu entwöhnen scheint kaum möglich. Zudem winkt man resigniert ab: Die Daten haben sie ja eh schon. Mitgekauft im großen Paket. 19 Milliarden bezahlt man ja nicht für ein bisschen Software und ne gute Idee.

Doch ganz so schnell aufgeben wollen sich viele nun doch nicht. Mag zwar sein, dass es schwer wird und man manchem vor den Kopf stößt, mag man viele Daten auch nicht zurückholen können, aber es geht ja auch um die Aktualität der Daten in die Zukunft und allein um Datenautonomie! Der Nutzer will zeigen, dass man sein Leben bis dato vielleicht verkaufen kann, aber in die Zukunft lässt er sich nicht spucken. Und so erklärt sich der Boom von Alternativen zu WhatsApp, die in den App-Charts in die Höhe schnellen. Namentlich Threema und Telegram. Doch was müsste eine solche App denn bieten, damit es eine Chance hat?

Guter Name, mehr Sicherheit, hoher Funktionsumfang – sicher alles handfeste Argumente. Doch am Ende wird ein Punkt alles entscheiden: Verbreitung. Mögen sich Top-Lösungen mit hoher Sicherheit immer in Nischen durchsetzen, in der Breite wird es keine Relevanz haben, was die App alles besser kann, solange sie nicht bei den meisten Freunden am Gerät ist. Und dazu muss die App quasi kostenfrei verfügbar sein, um eine echte Chance zu haben. Dabei geht es nicht um die Höhe der Kosten im Besonderen, egal ob 20 Cent oder 3 Euro, viele Nutzer (gerade im Android-Bereich) haben noch nie eine App überhaupt kostenpflichtig gekauft, weil sie Transaktionen am Handy per se nicht trauen oder weil sie gar keinen Zahlungsverkehr abwickeln können (wie bspw. bei Schülern). Wer eine App in diesem Bereich platziert und auch nur 1 Cent verlangt, schließt schon einen großen Teil der Nutzer aus – und pulverisiert damit einen Teil der Chance, die jetzt besteht. Von WhatsApp lernen heißt dabei auch siegen lernen: Kostenloser Einstieg und 1 Jahr freie Nutzung. Das hat viele ködern können, weil man über 1 Jahr hinaus nicht denken konnte. Und 1 Jahr später war man bereits an der „WhatsApp-Nadel“. Dass Schüler dann schnell herausfanden, wie man die kostenpflichtige Verlängerung einfach umgeht, war entweder billigend in Kauf genommen oder sogar Teil des Konzept. Die zahlungskräftige Klientel machte sich für die Cent-Beträge der Verlängerung dann eh keinen Kopf und griff ins Portemonnaie.

Die WhatsApp-Übernahme gab zwar keinen Shitstorm-Tsunami, machte aber überdeutlich, wie schutzlos man heute am Verschiebe-Bahnhof der eigenen digitalen Identität zum Zuschauen verdammt ist. Vielleicht werden zukünftige Generationen da längst kapituliert haben, vielleicht blicken sie aber auch mitleidig zurück auf die Naivität der ersten Jahre, als man sich für einen kostenlosen Dienst, ein bisschen Features und Schnickschnack sein höchstes Gut abschwatzen ließ. Tausche Glasperlen gegen Goldbarren, Feuerwasser gegen Land.

Wann, so muss man sich fragen, werden die Menschen vorsichtiger mit ihren Daten? Und wann, so muss man erst recht fragen, greift der Staat ein, um seine Schützlinge vor Missbrauch zu bewahren? Bei jeder Fusion wirft ein Kartellamt ein Argusauge auf mögliche wirtschaftliche Konsequenzen, bei der Fusion von Daten scheint aber niemand zuständig und regelungswillig zu sein. Keiner scheint Verantwortung dafür übernehmen zu wollen – und dann gibt man diese eben non-chalant an den Bürger zurück. Tante Gerti hat aber gar kein Smartphone, Tante Gerti hat auch nie ihre Einwilligung gegeben, Tante Gerti möchte trotzdem geschützt werden. Dieser Verantwortung sollte sich jeder Nutzer für sich und seine Kontakte selbst stellen, dieser Verantwortung muss sich aber endlich auch die Politik stellen!

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